C. G. Jung und K. Kerényi: Einführung in das Wesen der Mythologie, (Rhein-Verlag Zürich, 260 S., Leinen, DM 16,–.) Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen. (Rhein-Verlag Zürich, 312 S., 66 Kunstdrucktafeln, Leinen DM 18,25.)

Unser Verhältnis zur Mythologie verändert sich seit einigen Jahrzehnten grundlegend. Der Einwand, eine geglaubte Überlieferung sei „nur“ Mythologie und entbehre der historischen Wirklichkeit, bedeutet nicht mehr viel. Seit der Erforschung des magischen Weltbildes der Primitiven, seit der Entzifferung der Sinnbildsprache, seit der Erkenntnis von der „Wirklichkeit der Bilder“ (Klages) und ihrer Bedeutung für die unbewußten Tiefenschichten der Seele bahnte sich eine Renaissance der Mythologie an. Sie ist nur ein Teil jener Wandlung, in der sich die gesamte Wissenschaft befindet. Man sieht sich gezwungen, mit inkommensurablen Wirklichkeiten zu rechnen, die ein streng rationalistisches Glaubensbekenntnis bisher nicht zuließ.

Kerényi, der im Bunde mit C. G. Jung diese mythologische Renaissance wesentlich fördert, zeigt in der „Einführung“, daß Mythologien keine „primitive“ Form der Welterklärung sind. Sie gründen, sie „stiften“ das Dauernde und Bleibende, wie der hölderlinsche Dichter es tut. Nicht um „Ursachen“ geht es in der Mythologie, sondern um Ur-Sachen. Daher gehören auch die griechischen Naturphilosophen nicht zu den „Vorläufern“ unseres kausalen Denkens, sondern sie denken noch mythologisch. Es geht ihnen um die „Archai“, die gründenden Anfänge.

Jung sucht zu beweisen, daß auch im Menschen der Gegenwart der mythenbildende Grund noch lebendig ist als Erbe einer vor- und unbewußten, kollektiven Seelenschicht, die sich in Träumen und Gesichten immer wieder durch die Sprache mythologischer Bilder äußert. Die von ihm „Archetypen“ genannten Grundformen unbewußter Bilderlebnisse, eine Art seelische Urphänomene, haben deshalb mythologischen Charakter. Und wenn sie heute nur noch in geheimer Verbannung wirken und fast nur für den Arzt in bezug auf ein seelisches Krankheitsbild Bedeutung haben, so sieht Jung darin eine Gefahr für den zivilisierten Menschen. Der Verlust der Mythologie kann eine moralische Katastrophe mit sich bringen. Schon Nietzsche meinte ja, daß echte Erziehung nur innerhalb eines von Mythen umstellten Horizontes möglich sei. Mythologie hätte dann seelennährende und -erneuernde Wirkung.

Darum läßt denn auch Kerényi in seiner „Mythologie der Griechen“ einfach einen erfahrenen Griechen mythologisch erzählen. Dieser hält sich dabei, soweit nur möglich, an die Urtexte, berichtet quellentreu und sehr geschickt die verschiedenen Versionen. So vermittelt er das Vielschichtige und Vielgesichtige der Mythen, deren Entfaltung er mit kaum merklichen Hinweisen (z. B. Deutung der Eigennamen) begleitet, so daß sich der mythologische Kern richtig aufblättert. Denn das erst ermöglicht die mythologische Renaissance: man muß in der Sinnbildsprache zu Hause sein, wie es der im Banne der Logistik groß Gewordene in der Sprache der Begriffe und Formeln ist. Das mag vorerst nicht vielen gegeben sein. Aber auch unser gewohntes Denken war einmal nur die Sache weniger. Vielleicht kommt schon bald die Zeit, in der auch die mythologische Sprache vielen vertraut sein wird. Wie heute die mathematischen Formeln könnte sie an Schulen entwickelt werden. Es ist nicht nötig, deshalb die logischen Denkformen des sich neigenden Äon zu vergessen oder gar über Bord zu werfen. Wir müssen den Mut haben, in zwei geistigen Welten zu leben (Dichter und Künstler tun es ja immer schon). Rudolf Ibel