Florenz, im Mai

Es lag nahe, in diesem Jahre das Werk Rossinis (geb. 1792) in den Mittelpunkt des Maggio Musicals Fiorentino zu stellen. Mit der seit langer Zeit nicht mehr gehörten „Armida“, die sich als ungleich weniger „aktuell“ herausstellte als die vor einem Jahr wiederentdeckte gleichnamige Oper Lullis, wurde das Festspiel sozusagen offiziell eröffnet.

Gleich am nächsten Abend gab es ein neues Werk: den „Don Quichote“ von Vito Frazzi. Der Komponist, bei uns nahezu unbekannt, zählt gleich Pizzetti zur älteren Komponistengeneration Italiens, und seine klangvolle, vor allem im Gesanglichen imponierende Oper läßt kaum vermuten, daß der führende Zwölftöner Italiens, Dallapiccola, einst bei ihm in die Schule ging. Frazzi hat sich das Buch selbst gezimmert. Man spürt an jeder Note dieser mit meisterlichem Können geschriebenen Partitur die übergroße Liebe des Autors zu seinem Helden. Er sieht ihn nicht gerade in neuer Beleuchtung. Der Satz des Cervantes, wonachalles, was der edle Ritter denkt, wirklich existiert, wird seiner großartigen Überrealität entkleidet und Don Quichote eine romantische Figur, wie etwa Hoffmann in Offenbachs Oper. Dem Komponisten ist es nicht möglich gewesen, jene Distanz zu. finden, in deren kühler Atmosphäre allein das Komische Wirklichkeit werden kann. Er fühlt zu sehr mit ihm und rückt die romantische Sehnsucht des Don Quichote nach der unerreichbaren Ferne in den Vordergrund. Verschiedene Ansätze zur komischen Oper, vor allem in groß und glänzend gebauten Ensembleszenen, werden immer wieder von schwungvollen Kantilenen des Mitgefühls überspielt. Hier allerdings ist der Komponist ein Meister, wenn auch ohne überzeugende Originalität.

Die Aufführung war hervorragend. Emidio Tieri, ein äußerst gewandter Theaterdirigent, Corrado Pavolini, der jede Möglichkeit zum buffonesken Stil nutzte, und Giorgio de Chirico als Schöpfer reichlich überladener neubarocker Prospekte bildeten ihre Säulen.

Wie weit das eigentliche Thema des „Maggio“, der Versuch einer Rossini-Renaissance, glücken wird, kann sich erst im Laufe des Festes, das bis Ende Juni andauert, feststellen lassen.

Hans Rutz