Theoretisch beginnt der Osthandel an der Oder-Neiße-Linie, praktisch aber schon am volksdemokratischen Vorhang, mit dem speziellen Handelsobjekt West-Berlin. Als „Unterabteilung“ des Osthandels ist der Interzonenhandel die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, wobei die sowjetischen Partner sich auch hierbei präzise bolschewistische Ziele gesteckt haben. Ziele und Methoden ergeben sich aus den Perioden von Mangel oder Überangebot in der freien Wirtschaft, die von Osten her entweder hervorgerufen oder ausgenützt werden. Zu diesem Zweck gibt es im sowjetischen Handel den offiziellen Dienstweg und das direkte Verfahren, auch Kompensation, Schmuggel oder Organisieren genannt, letzteres’sorgfältig gefördert und ausgebaut. Offizieller und direkter Handel ergänzen sich da aufs beste zur Beschaffung von Devisen und strategischen Rohstoffen, zur Durchführung sowjetischer Boykott- und Dumpingmethoden sowie im Gefüge der HO-Wirtschaft und der Plan-Solls. Im Falle Deutschlands bedrohte der „schwarze“ Sowjet-Handel die freie Wirtschaft erheblich, aber erst nach langen Vorstellungen seitens der Wirtschaft und der Bundesbehörden gestatteten die Westmächte endlich die Bildung eines Grenzschutzes zur Verhinderung dessen, was dieselben Westmächte dann zum Anlaß nahmen, um den deutschen Osthandel überhaupt zu verhindern.

Wirtschaftlich nimmt die Sowjetzone nur eine untergeordnete Bedeutung im Spiel der Mächte ein. Sie ist kein rüstungs-strategisches „Potential“, dessen Wiedervereinigung dem Westen einige Zugeständnisse an die deutsche Unabhängigkeit wert scheint, oder dessen Aufgabe den Sowjets ernstlich Kummer bereiten müßte. Vielmehr hat man in Potsdam das „Potential“ – die Kornkammern und Oberschlesiens Montanindustrie – unter polnische „Verwaltung“ gegeben. Die ostzonale Konsumgüter- und Leichtmaschinen-Prodution ist ja bisher noch von westdeutschen Vorprodukten und vom westdeutschen Absatzmarkt abhängig.

Da aber der Interzonenhandel ein Bestandteil des deutschen Osthandels ist, erhebt sich die Frage, ob mit der Negation deutscher Osthandelsbeziehungen irgendwelche Probleme gelöst sind. Das muß verneint werden. Denn die Einschränkung des illegalen Osthandels mit Westdeutschland ist nicht das Ergebnis der Handelspolitik, sondern das schärferer Grenzkontrollen. Auch die Auffassung, daß Wirtschaft, Behörden und Regierung der Bundesrepublik dem Druck sowjetischer Argumente nicht gewachsen seien, ist keine Berechtigung dafür, daß die westlichen „Schutzmächte“ nun den deutschen Osthandel ihrer eigenen Wirtschaftspolitik unterordnen und den Ost-Westhandel nach zweierlei Maß messen, je nachdem, ob die Bundesrepublik oder andere Länder ihn betreiben. Wie zur Zeit der Weimarer Republik sind auch die Schwächen der Bundesrepublik das Ergebnis alliierter Fehlkonstruktionen, Auflagen und Beschränkungen.

Während alle anderen Nationen ihre wirtschaftlichen Notwendigkeiten mit den politischen Sicherheitsbestimmungen durch Vereinbarungen mit den USA abstimmen, ist dies der Bundesrepublik trotz anderslautender Ermächtigungen (z. B. nach dem Gatt-Abkommen) verwehrt. Auf diese Weise kann die Bundesrepublik weder eine aktive Wirtschaftspolitik betreiben, mit dem Ziel, die Wiedervereinigung Deutschlands zu erleichtern, noch unmittelbare wirtschaftliche Vorteile wahrnehmen. So stehen z. B. westdeutsche Produkte der Fischindustrie auf der Vorbehaltsliste (!), aber England lieferte im Dezember 1951 u. a. 25 000 t Stahl nach Osten. Im zweiten Halbjahr 1951 durchliefen über 200 000 t Umschlagsgüter aus belgischen und holländischen Häfen den Nord-Ostsee-Kanal auf ostzonale und polnische Bestimmungshäfen – aus Hamburg gingen im selben Zeitraum ganze 6500 t dorthin. (Englische Schiffe nehmen den direkten Weg durch den Skagerrak und werden von dieser Statistik nicht erfaßt.) Zu Anfang dieses Jahres erhielt Sowjetrußland im Rahmen der laufenden Handelsverträge aus allen westeuropäischen Ländern – außer der Bundesrepublik – Chrom- und Eisenerz, Walzwerkserzeugnisse, Weiß- und Feinbleche, Fein- und Spezialstahl, Kugellager, Traktoren, Bergwerks- und Bohrmaschinen, schwere Werkzeugmaschinen, Buntmetalle, Kautschuk und Buna, Zellstoff und sonstige „harte“ Güter. Deutsche Importe aus dem Osten müssen vielfach über England oder Holland bezogen, und mangels Kompensation mit Devisen bezahlt werden – unter Aufschlag bis zu 35 v. H. an Handelsspannen.

Während Großbritannien, die skandinavischen und Benelux-Länder einen großen Teil ihres Bedarfs an Getreide, Futtermitteln, Holz und Kohle vom Osten im „harten“ Güteraustausch beziehen (um Dollars zu sparen), mußte die Bundesrepublik neue Industrien errichten und Produktion wie Absatz bisheriger Ostlieferungen auf das Prokrustesbett des Westens schlagen. Die bisherige Haltung der Westmächte gegenüber Deutschland steht nicht auf einer Gewinn- und Verlustrechnung ihrer Maßnahmen im Osthandel, und sie zielt nicht auf die Heranbildung Deutschlands zugleich als natürliches Bollwerk und Bindeglied zum Osten. Wenn Präsident Truman das „Kem-Amendment“ (das den „harten“ Osthandel mit Entzug der USA-Hilfen bestraft) als „blinde Unterwerfungspolitik“ bezeichnet, die „den USA mehr schadet als den Sowjets“, so ist dem nichts hinzuzufügen. Denn während den übrigen Nationen nachfolgend bedeutende Erleichterungen im Osthandel gewährt wurden, hat die Oberkommission die Sonderbestimmungen für Deutschland in voller Schärfe aufrechterhalten. Was immer die Gründe dafür, sein mögen, so ist in Deutschland leider das Gefühl allgemein geworden, als wolle man die deutsche Wirtschaft am freien Wettbewerb hindern, sich ihren Markt für den Absatz „westlicher“ Dollarprodukte zwangsweise sichern und einer deutschen Wiedervereinigung vorbeugen, ehe bestimmte Mächte sich nicht gewisser deutscher Gebiete endgültig versichert haben. EOG