Von Marion Gräfin Dönhoff

Amman, im Mai

Zelte waren im Orient immer ein Symbol der Freiheit, die schwarzen Zelte der Beduinen, die auftauchen und wieder verschwinden und deren Bewohner voller Verachtung auf die ansässigen Bauern schauen. Aber es gibt heute auch andere Zelte: die der palästinischen Flüchtlinge, die im ganzen Orient das Sinnbild einer unmenschlichen Zivilisation sind. Diese Zelte sind nicht schwarz; sie sind Überbleibsel amerikanischen Heeresguts oder einfach zusammengenähte Säcke oder Planen. Überall findet man sie zu Hunderten, zu Tausenden in der Nähe der Städte und Dörfer. In Gaza stehen sie, bei Damaskus, an der libanesischen Küste, aber die meisten im Hashimite Kingdom of Jordan, wie dieses Land heißt, seit der Palästina-Krieg einen Teil Palästinas zum früheren Transjordian hinzufügte. Die schwarzen Zelte der Beduinen hingegen sind aus Ziegenwolle gewebt und schauen aus, wie prähistorische riesige Raupen, die langsam die Hügel heraufkriechen, denn sie sind niedrig und lang, und die Verstrebungen, die sich abzeichnen, geben ihnen das Aussehen von larvenhaften Wesen. In Transjordanien waren vor dem Palästinakrieg von einer Gesamtbevölkerung von 400 000 etwa 10 v. H. nomadisierende Beduinen, deren Beschäftigung die Kamelzucht war, und etwa 120 000 Semi-Nomaden, die zur Schaf- und Ziegenzucht übergegangen waren und die sich gelegentlich auch mit Ackerbau beschäftigten. Vielleicht liegt es daran, daß die Wüste, die eigentliche Heimat der Araber, so nahe ist, wenn man in Jordanien noch stark jene geheimnisvolle Wesensart von Ritterlichkeit und Zartheit, Individualität und Stolz spürt, ein Charakteristikum, das zur levantinischen Küste hin immer schwächer wirksam wird und schließlich in dem Völkergemisch, der oberflächlichen westlichen Zivilisation und den Anfechtungen eines materiellen Wohllebens verschwindet.

Glubb Pascha, der Führer der arabischen Legion, der in einem kleinen winkligen und kargen Amtszimmer in Amman residiert, hat noch die alte Zeit gekannt; er hat die Wüste durchquert in ihren großen gefahrenreichen Tagen. "Die Gefahr der Wüste war etwas anderes als die Gefahr der Ozeane", sagte er, "die Wüste, die konnte keiner besiegen, dort war nur derjenige der Herr, der dort zu Hause war: der Araber!" Und es klingt viel Wehmut und Verachtung mit, wenn er von dem veränderten Gesicht der Wüste spricht, von den Cadillacs, die sie durchbrausen und den Pipelines, die sie durchqueren. Als Glubb Pascha – The Pascha, wie er allgemein genannt wird – in den zwanziger Jahren ins Land kam, war Amman, das heute sechs Kinos besitzt, ein kleines Dorf. Wie klein, wurde mir am deutlichsten beim Besuch von Dr. Nazr, dem Besitzer und Chef der führenden Zeitung Ammans: Al Ordan.

Man betritt im Erdgeschoß einen Raum, der einer Werkstatt gleicht und in dem die Buchbinderei, die Setzerei und zwei Druckereimaschinen untergebracht sind, die vor dreißig Jahren in Deutschland gekauft wurden. Ein einfacher Verschlag daneben dient als Büro. "Hier hat in den Anfängen dieses Landes vor fünfundzwanzig und dreißig Jahre oft Emir Abdullah gesessen", sagte Dr. Nazr, "aber damals gab es nur gestampften Lehmfußboden und Strohmatten. Und im oberen Stockwerk, wo jetzt unsere Redaktionsräume sind, waren sämtliche Ministerien untergebracht: in einem Zimmer das Finanzministerium, im Zimmer daneben das Außenministerium und so weiter."

Heute sind alle diese Behörden in neuen, zum Teil sehr schönen Gebäuden installiert – für die Bevölkerung allerdings bedeutet das nicht allzuviel. Die meisten können sich unter einer Behörde oder einem Ministerium erst dann etwas vorstellen, wenn man den Namen des betreffenden Ministers nennt. Das ist nun aber bei der Länge und dem Gleichklang der meisten Namen für einen Fremden gar nicht so leicht. Da mir der Name des Flüchtlingsministers, den ich besuchen sollte, entfallen war und ich dem Fahrer daher nur "Flüchtlingsministerium" sagen konnte, brachte er mich denn auch ohne Zögern zu dem falschen Ministerium. Ich stieg ahnungslos und eilig die Treppe hinauf, sagte, ich sei mit dem Minister verabredet und wurde sofort in ein Zimmer geführt, in dem ein Herr am Schreibtisch saß und sich mit einigen Klienten unterhielt, die bei meinem Eintritt verschwanden. Die Spannung, mit der er mich betrachtete, seinen Namen sagte und mir einen Stuhl anbot, ließ mich erkennen, daß er gar keinen Besuch erwartet hatte. Und in der Tat war ich völlig fehl am Platze, ich war beim Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums. Zu meinem Trost erzählte er mir, sie hätten einmal, als sie noch mit dem Finanzministerium vereint an anderer Stelle der Stadt in einem großen Gebäude untergebracht waren, einen Brief bekommen, der folgende Adresse hatte: An das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, Amman, gegenüber der Wäscherei von El Djabr. Die Wäscherei des Herrn El Djabr aber ist ein winziger kleiner offener Laden ohne Fenster!

Da wir inzwischen beide an der begonnenen Unterhaltung Interesse gewonnen hatten, verabredeten wir für den Nachmittag ein neues Gesprach. – Das ist es, was in den meisten dieser Länder so wohltuend ist: der Mangel an Wichtigtuerei und Vorzimmer-Brimborium. Niemand macht sich wichtig, nicht einmal die Polizei. Nirgends in der Welt habe ich so reizende und sanfte Polizisten gesehen wie hier in Jordanien. Ohne Geschrei und Aufheben setzen sie sich durch. Sie tun ihren Dienst geradezu mit Behutsamkeit und Zartheit.