Von Eka von Merveldt

Madrid, im Mai

Spanien war uns entgegengekommen. Auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt landete am 24. April zum ersten Male nach dem Kriege eine viermotorige amerikanische Maschine der spanischen Luftverkehrsgesellschaft „Iberia“. Einige spanische Herren stiegen aus, unter ihnen der Direktor der „Iberia“, Cesar Gomez-Lucia, und der Kapitän der Maschine José Arungo, Major der spanischen Luftwaffe, Träger der höchsten Tapferkeitsmedaillen mit Brillanten, Kämpfer der „Blauen Division“ im Jagdgeschwader Mölders. Frankfurts Oberbürgermeister Kolb hieß die ersten Gäste der neuen spanischen Flugroute Madrid–Barcelona –Frankfurt willkommen. Dann wurden spanische Grüße in kleinen Kisten aus dem Flugzeug getragen – Jerez de la Frontera, also Sherry aus dem berühmten Ursprungsort Jerez de la Frontera, Oliven mit Anchovis gefüllt, Mandeln und Jamon Serrano – spanischer Landschinken. So entwickelten die Spanier in der Halle des Lufthafens eine improvisierte herzliche Gastfreundschaft, die uns, einer Gruppe von Journalisten, alsdann acht Tage und ebenso viele Nächte in Spanien bezaubern sollte. Um sechs Uhr abends waren wir in der Luft. Fünf Stunden brauchte die Maschine „Iberia EC-AFP“ für den Flug nach Madrid. Ich hatte eine Zeitlang das Vergnügen, vorn in der Kanzel zwischen den beiden Piloten zu sitzen, zwischen José Arungo und seinem Bruder – auch dieser ein ehemaliger Kämpfer der „Blauen Division“ – und da die automatische Steuerung eingeschaltet war, ging unsere Unterhaltung gemütlicher vor sich als vorher mein Gespräch mit dem Autobusfahrer, der auch ungefähr 50 Fahrgäste mitnimmt, dem aber nicht erlaubt ist, die Rede durch Gesten zu unterstreichen, weil er die Hände nicht vom Lenkrad nehmen darf. Während der Funker hinter mir Genf anpeilte – er ist nach dreieinhalbjähriger Haft in London, wo er verdächtigt war, ein deutscher Spion gewesen zu sein, gerade nach Spanien zurückgekehrt und dieses war sein erster Flug danach –, wurde ich von dem Caballero zur linken in die tiefere Bedeutung /ingeweiht, die der Stierkampf für die Spanier hat. Die Maschine zog währenddessen so gleichmäßig und monoton über den grauen Wolkengrund, als flögen wir nicht, sondern führen auf einer Autobahn, und nur meine Phantasie konnte mir zu dem erregenden Abenteuer des Fliegens verhelfen, wobei mich mein Caballero zur Rechten, der Commandante, mit der Instruktion unterstützte, daß dieses riesige Ungeheuer, das uns durch die Luft kutschiert, 33 Tonnen, also mehr als dreißig Volkswagen, wiegt. Mein Blick, der über das verwirrende Bild der Armaturen und Bezeichnungen in amerikanischer Sprache streifte, blieb auf einem kleinen Relief, einer Madonna mit klassischen spanischen Zügen, hängen.

In Madrid, der Stadt mit dem frischen Wind von der Sierra de Guadarrama und einer Luft, so durchsichtig und rein, als wär’ es keine, in Madrid tauchten wir, die ersten deutschen Vertreter, die mit der „Iberia“ aus der Luft gekommen waren, in ein Meer von Sympathie. Sie umschmeichelte uns vom ersten Augenblick an wie eine seidige Mantilla. Ein Höhepunkt aber war eine Geburtstagsfeier für die neue Luftverbindung Madrid–Frankfurt oder Spanien–Deutschland, ein Diner, auf dem Direktor Gomez-Lucia in einem Toast sagte: „Was wir können, lernten wir von der deutschen Lufthansa. Es muß der Tag kommen, und ich glaube, er ist nahe, wo auch die Lufthansa wieder da sein wird.“ Nachdem die Rufe „Hoch Deutschland“ und „Arriba España“ verhallt waren, neigte sich der charaktervolle weitgereiste alte Herr zu mir und antwortete auf meine Frage, wieso er dazu komme, einer möglichen deutschen Lufthansa eine gute Prognose zu stellen: „Wie viele ausländischen Luftlinien in- und außerhalb Deutschlands auch die Geschäfte der Lufthansa übernommen haben mögen, sie hat ihren Ruf in der Welt nicht verloren, und wenn sie wieder da ist, wird sie erfolgreich sein.“

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Von offizieller Seite werden den Fremden in Spanien heute mit Eifer drei Plätze gezeigt. Erstens: Virgen de la Paloma (Die Jungfrau mit der Taube), eine Lehrlingsschule der Institution Sindikdle, vorbildlich für die Ausbildung von Facharbeitern in dem Bemühen des Caudillo-Staates um das Wohl des Arbeiters und die erwünschte Industrialisierung des Landes. Zweitens: der Alkazar von Toledo, heute ein Wallfahrtsort der Bewegung Francos und ein Anziehungspunkt für Touristen aus der ganzen Welt. Und drittens: das noch im Bau befindliche Nationaldenkmal im „Tal der Gefallenen“, nicht weit vom Escorial. Zu dieser Stätte hat man vorläufig nur mit Sonderausweisen Zutritt, nach scharfer Überprüfung der Papiere und Abgabe des Photoäpparates.

Als ich durch die erste Arbeitshalle der Virgen de la Paloma ging, wo zwölfjährige und vierzehnjährige, ungemein zierliche, pfiffige Spanier mit Feilen und Schraubstöcken umgingen, klimperte ich im Takt mit den ersten eingetauschten Peseten. Da durch viele Höflichkeiten und organisatorische Verwicklungen eine Stockung in der Führung eingetreten war, sah ich mir den Caudillo auf der großen Fünfpeseten-Münze an und las darauf die Worte: Francisco Franco Caudillo de Espana por la G. (Gracia) de Dios – Führer durch die Gnade Gottes? Ich las gleich an den Wänden weiter, überall die Sprüche und Transparente, wie ich sie kürzlich in Schweden, in Mecklenburg und in Halle in Sachsen gesehen hatte. Etwa folgende: „Faule Äpfel muß man ausmerzen, sie stecken die andern an.“ Aber, wenn man schon Äpfel und Menschen verwechselt – mich erschreckte zu Tode, daß man dann so nonchalant das Wort ‚ausmerzen‘ benutzte. Und über den Eingängen hingen die Bilder des Caudillo und des nationalen Helden und Märtyrers der neuen Bewegung José Antonio Primo de Rivera. Aber dann sah ich den Priester, der zwischen den Reihen der Jungen umherging, und ich sah durch das Fenster einen anderen, der mit einer anderen Gruppe Fußball spielte, mit flatternder Soutane im kühlen Wind der nahen schneebedeckten Sierra. Hier also wird die junge Generation unter scharfer Aufsicht und mit Nachdruck geschult und belehrt, und bei alledem garantiert der Einfluß der Kirche überall, daß der Druck der Diktatur nicht zu unmenschlicher Härte führt. Gewiß, die Macht des Caudillo ist offenbar groß, aber er wahrt peinlich die Rechte der Kirche und auch des Thrones, seit Spanien 1947 gesetzlich wieder Königreich wurde.