Erskine Caldwell: Opossum. (Roman. übertragen von Melanie Steinmetz. Claassen. Verlag, Hamburg, 245 S., Leinen 11,80 DM.)

„Ich hab mich zu sehr geschämt, zu sein, was ich bin. Ich weiß, ich seh nicht so aus, als ob ich’s in der Welt weit bringe, wo alle anderen so’n Tam-Tam davon machen, daß man reich werden muß oder berühmt durch wer weiß was. Aber lieber hätte ich stolz sein sollen auf das, was ich bin, statt mich zu schämen über das, was ich nicht bin. Wenn ich bloß vernünftig genug gewesen wäre, das vor zwanzig Jahren zu merken...“ Diese Bilanz zieht am Ende von Erskine Caldwells hartem, stellenweise fast wie mit einem Knüppel geschriebenem Roman „Opossum“ ein heruntergekommener, verwitweter Farmer, der sich durch seinen unüberlegten Entschluß, in die Stadt zu übersiedeln, das Dasein verpfuscht hat. Ein Trinker und Tagedieb aus Selbstunsicherheit, dem ein Lump von Schwiegersohn die Tochter totschlägt, während der Schock darüber ihn zugleich des greisen Vaters beraubt, in dem sich erstaunlich tatkräftig das gute Gewissen der Familie zu verkörpern pflegte. Kurz vor der Untat sind die beiden anderen Töchter dem Haus entflohen, das längst kein Heim mehr ist. Der ältere Sohn praktiziert als erfolgversprechender Rechtsanwalt. Der Zusammenbruch der Familie wäre vollkommen, stünde dem verlassenen Farmer, der ihn leichtfertig verschuldet, nicht noch ein jüngerer, gerade mannbarer Sohn als anhänglicher Kamerad zur Seite – als unverdientes Unterpfand einer besseren Zukunft. Sie könnte, diese Chance bleibt offen, dem einzigen entspringen, was sich der wankelmütige Familienzertrümmerer heil und untersetzt erhalten hat: seiner zähen Liebe zur freien Natur, zu den wieselflinken Opossums und zur nächtlichen Jagd auf diese rattenschwänzigen, katzengroßen, graubraunen Pelztiere in den Wäldern draußen vor der Stadt.

Wie nur je ein moderner amerikanischer Romancier betreibt Erskine, Caldwell (nicht zu verwechseln mit der Dame Taylor Caldwell) eine grimmige Demontage der Illusionen. Doch legt er auch verschüttete Kräfte frei – nach der Devise „to call a spade a spade“, was nichts anderes heißt, als die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Caldwells Romangestalten reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, unverfälschte Geschöpfe aus erster Hand, die man in jedem Augenblick begreift. Auch im Schlafzimmer bewegen sie sich so unbefangen wie auf der freien Wildbahn. Hansgeorg Maier