Die Ausstellung „Die Industrie als Kunstmäzen“, die wir bereits angekündigt haben (Die Zeit Nr. 18 vom 1. Mai 1952), ist in der Hamburger Kunsthalle mit einem Festakt, bei dem Bundespräsident Professor Heuss eine Ansprache hielt, eröffnet worden. Sie soll zwei Aufgaben dienen: einmal der deutschen Öffentlichkeit in einer natürlicherweise beschränkten Auswahl zeigen, was deutsche Museen seit der Jahrhundertwende den Stiftungen von industrieller Seite verdanken, und zum zweiten die Industrie daran mahnen, daß sie eine Verpflichtung habe für Pflege und Bewahrung der Kunst in Deutschland.

Die älteren deutschen Landesmuseen gehen in ihrem Kern auf die Kunstkammern deutscher Fürsten zurück. Mit dem Anbruch des bürgerlichen Zeitalters zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Aufgabe des Sammelns sehr stark vom Bürgertum übernommen – es sei nur an die Brüder Boisserée erinnert, die die Bedeutung der „altdeutschen Malerei“ neu entdeckten, ihre Werke sammelten und Goethe für ihr Vorhaben zu interessieren wußten. Viele Sammler stifteten entweder ihren ganzen Kunstbesitz oder einzelne Werke den Museen ihres Landes oder ihrer Heimatstadt, besonders dann, wenn zwischen ihnen und den Galeriedirektoren, die sie beim Sammeln berieten, sich ein betont freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte.

Ein Gang durch die Hamburger Ausstellung zeigt, daß hier seit dem letzten Kriege vieles anders geworden ist. Zwar enthält sie noch einen ganzen Saal mit Bildern aus der Sammlung Heinrich Scheufeien, die 1947 mit 116 Gemälden der Württembergischen Staatsgalerie gestiftet worden ist; doch bei den meisten Werken, die nach 1945 deutschen Galerien geschenkt worden sind, steht als Stifter nicht mehr der Name einer Persönlichkeit verzeichnet, sondern der einer Firma oder gar eines Industriekreises,

Man mag dies bedauern. Es ist ein Zeichen mehr, daß das bürgerliche Zeitalter zu Ende geht. Die Nivellierung, ein Ergebnis der Verarmung und der aus ihr resultierenden Übermacht des Staates, macht es dem einzelnen unmöglich, in so großzügiger Weise als Mäzen aufzutreten, wie dies auch nach dem ersten Weltkriege noch möglich war. Doch muß diese Entwicklung für die Pflege der Kunst unbedingt Nachteile haben?

Eines der schönsten Bilder der Ausstellung, Edvard Munchs „Mädchen auf der Brücke“, ist dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln von „einer Gruppe Kölnischer Industrieller“ gestiftet worden. Dies ist also auf die Weise erfolgt, daß der Galeriedirektor die Stifter für den Kauf dieses herrlichen Bildes zu begeistern wußte. Eine solche Zusammenarbeit bietet natürlich eine Gewähr dafür, daß das gestiftete Werk wirkliche Qualität hat, was bei früheren Stiftungen aus privaten. Sammlungen nicht immer der Fall war. Es hat immer eine Sorte Haifische unter den Kunsthändlern gegeben, die es verstanden, begeisterten, aber nicht sehr kenntnisreichen Sammlern zweifelhafte Bilder mit großen Namen aufzuschwatzen. Dagegen muß man feststellen, daß die neuen Stiftungen, auch, wenn sie den Nachteil der Anonymität haben, fast alle von guter Qualität sind. Das gilt für die alte Kunst, das Sankt Georg-Reliquiar des Bernt Notke etwa aus dem Hamburger Kunstgewerbemuseum, wie für die Werke der Modernen: Beckmann, Baumeister, Feininger, Hartmann, Heckel, Hofer, Macke, Modersohn-Becker, Schlemmer.

Gewiß wird man bedauern müssen, daß infolge der heutigen Steuerpolitik das persönliche Mäzenatentum vernichtet worden ist. Man braucht nur an jene Bilder der Ausstellung zu denken, die aus dem Vermächtnis von Herrn und Frau Dr. Troplowitz aus dem Jahre 1920 stammen und an die Hamburger Kunsthalle gingen: Claes Pietersz Berchem (Alter Hafen von Genua), Corot (das großartige Bild der Frau mit der Rose), Liebermann (Eva), Renoir (Bildnis der Frau Leriaux), Sisley (Seinelandschaft) –, dann begreift man, was es heißt, wenn solche Sammler fehlen. Um so wichtiger ist es, daß sich der „Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie“ gebildet hat, der versuchen will, auch unter den heutigen schweren Finanzgesetzen den Geist des Mäzenatentums aufrechtzuerhalten. Vielleicht aber ließe sich daneben noch ein anderer Weg gehen, wie er in Amerika bereits beschritten wird. Dort nämlich können Sammler Kunstwerke, die sie erwerben, von der Steuer absetzen, wenn sie einen Vertrag mit einem Museum vorlegen, daß nach ihrem Tode das Werk in den Besitz dieser öffentlichen Sammlung übergeht und daß der Museumsleiter mit seinem Erwerb einverstanden ist.

Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle ist hervorragend aufgestellt und gehängt. Dieser Tatsache verdankt sie es, daß sie für den Besucher nicht auseinanderfällt, was eigentlich zu erwarten wäre, denn sie ist ja nicht nach geistesgeschichtlichen oder künstlerischen Gesichtspunkten zusammengestellt, sondern um Zeugnis abzulegen von dem Stifterwillen deutscher Industrieller. Der Besucher sollte aber über die so erreichte harmonische Erscheinung eines nicht übersehen: was nämlich, dem deutschen Museumsbesitz fehlen würde, hätte es in der Industrie keine begeisterten Mäzene gegeben. Wir zählen zu den bereits genannten noch einige Werke auf: Aelbert Cuyp (Ansicht von Amersfoort), zwei Stilleben von Jacob Flegel, Paul Gauguin (Mädchen mit Fächer), Vinzent van Gogh (Die Ernte), Max Liebermann (Arbeiter im Rübenfeld), Wilhelm Leibl (Bildnis des alten Herrn Pallenberg), Ferdinand von Rayski (Mainlandschaft), Ludwig Richter (Mädchen auf der Wiese), Wilhelm Trübner (Dame in Grau). Dazu noch die beiden Porträts von Kokoschka (Bundespräsident Professor Heuss und Bürgermeister Brauer). Daneben aber auch Werke aus abseitigeren Gebieten, antike Plastik (Kopf Alexanders des Großen, 3. bis 2. Jh. v. Chr.), alte Stoffe (darunter koptische und byzantinische), japanische Plastik und Malerei, Goldschmiedearbeiten, Glas und wissenschaftliche Instrumente des 18. Jahrhunderts.