Von York Kurz S. J.

Ein römischer Monsignore hat in einem Blatt für den Klerus Roms zur Psychoanalyse vom moraltheologischen Standpunkt aus Stellung genommen – ist das Grund zur Aufregung, als hätte der Vatikan oder gar der Hl. Vater selbst den Bannstrahl gegen eine therapeutische Lehre der Medizin geschleudert, um die Katholiken in aller Welt im Gewissen zu binden? Es ist verfehlt, eine Privatmeinung als offizielle päpstliche Kundgebung auszugeben. Oft genug sind schon mehr oder, weniger wissenschaftliche Meinungen über die Psychoanalyse geäußert worden (kaum je zu ihrem Schaden, oft genug zu ihrer Klärung. und sicher haben auch Theologen das Recht, sich mit der Psychoanalyse auseinanderzusetzen. Warum soll ein Klerusblatt seinem Klerus nicht eine solche Diskussion zumuten können?

Die Psychoanalyse hat von Anfang an der Wissenschaft recht kantige Probleme aufgegeben. Nicht nur unter den Schulpsychologen und im Lager der Psychiatrie (besonders der deutschen) wird noch heute hart gegen viele ihrer Aussagen gekämpft, auch die Meinungen der Analytiker selbst, soweit sie den verschiedenen Schulen angehören, gehen recht erheblich auseinander. Vor einer einheitlichen „Psychoanalyse“ kann keine Rede sein; auch als „Tiefenpsychologie“ ist sie in moderner Fassung kein scharf umgrenztes Gebiet Monsignore Felici hat sich mit seiner globaler Zurückweisung der Psychoanalyse die Sache wohl zu leicht gemacht. In denselben Fehler scheint mit indes auch Rolf Reißmann zu fallen: er macht sich seinerseits die Zurückweisung der Meinung des Monsignore zu leicht, im Ton sowohl als auch in den Argumenten.

War die Psychoanalyse ursprünglich von Breuer und Freud als bloße Methode zur Aufdeckung verborgener, aber wirksamer seelischer Sachverhalte entdeckt worden, so verstand sie Freud in der selbständigen Weiterentwicklung sehr bald als eine inhaltlich bestimmte Lehre seelischer Strukturzusammenhänge. Freud selbst hat mit berühmt gewordener Starrheit bis an sein Lebensende an den Grundthesen seiner Lehre festgehalten, so daß seine Schüler und Mitarbeiter Adler und Jung in der Weiterentwicklung der Psychoanalyse sich von ihm trennen mußten. Die Individualpsychologie Adlers und die Komplexe-Psychologie Jungs haben inhaltlich mit der Freudschen Psychoanalyse nur mehr allgemein den seelisch kranken Menschen als Materialobjekt gemeinsam; selbst methodisch haben sie sich von der Freudschen Analyse fortentwickelt. Jung einen „Psychoanalytiker“ zu nennen, ist heute einfach irreführend. Das verbietet sich Jung selbst mit aller Entschiedenheit.

Es steht Monsignore, Felici also durchaus zu, das Wort Psychoanalyse im engeren Sinne, als eine solche Freudscher Konvenienz zu gebrauchen. Hinzu kommt, daß meines Wissens in den romanischen Ländern gerade die orthodoxe Psychoanalyse die Führung hat. Warum soll man dann nicht „Psychoanalyse“ und „Freudismus“ synonym verwenden dürfen? So sehr Freud in genialer Weise Neuland für die Wissenschaft von der Seele entdeckt hat, so einseitig und oft erstaunlich naiv hat er als Kind des positivistischen und materialistischen 19. Jahrhunderts das, was er gefunden, gedeutet. In Deutschland sollten wir heute eigentlich schon längst in der Lage sein, den Weizen von der Spreu zu scheiden. Ein deutscher Katholik dürfte von der Weltanschauung Freuds heute kaum ernsthaft zu erschüttern sein. Trotzdem sind wir Seelsorger in manchen Städten recht ratlos, wenn wir vor der Notwendigkeit stehen, einen neurotischen Menschen zum Psychotherapeuten zu schicken. Kann zum Beispiel ein Psychotherapeut, der dezidierter Atheist ist, dem gläubigen Menschen Führer in so schwerwiegenden seelischen Entscheidungen sein, vor die der Patient im Laufe einer Behandlung gestellt wird?

Hier ist ein echtes moraltheologisches Problem, das man in Rom ebensowenig übersieht wie anderswo. Wir kennen nicht die Erfahrungen, die man in Rom im einzelnen gemacht hat; aber wir müssen