Prälat Ludwig Kaas, Päpstlicher Protonotar, dreifacher Doktor, Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Professor für Kirchenrecht an der Universität Bonn und dem Theologischen Seminar in Trier, Mitglied der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung und, bis 1933, des Deutschen Reichstags, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Zentrumspartei, ist in der Nacht zum 25. April im 71. Lebensjahr gestorben.

Er stammte aus Trier, das „den Ruhm der Schwester Roma teilte“, und er starb in Rom, wo er sich ein ruhmvolles Denkmal gesetzt hat. Man wird sagen dürfen, daß dieses Denkmal, im Sinne der Horaz-Ode, von der Flucht, der Jahre nicht erfaßt werden kann, und daß er, da ein mächtiger Teil von ihm weiterleben wird, nicht ganz gestorben ist. Denn er ist es, der als Domherr von St. Peter die Ausgrabungen anregte und durchführte, die tief unter dem Papstaltar zur Entdeckung der frühchristlichen Gräber und schließlich des Grabes dies Apostelfürsten Petrus geführt haben. Allen Völkern wird nun gesagt werden können, daß sich die Tradition der Jahrtausende auch wissenschaftlich beweisen läßt. „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ – so steht es auf Griechisch und Lateinisch in der Kuppel Michelangelos. Das ist nun auch dem Worte wach erwiesen.

Es ist ein merkwürdiges Geschick, das den deutschen Kanonikus, Wissenschaftler und Politiker mit der sich immer wieder erneuernden Glorie der Ewigen Stadt verbinden sollte. Als der jetzige Papst als Nuntius nach Deutschland kam, entstand zwischen den beiden Männern eine Freundschaft, die sich, als Prälat Kaas im April 1933, als politischer Emigrant nach Rom kam, bewähren sollte. Am Zustandekommen des Konkordats mit Preußen im Jahre 1930 hat Prälat Kaas entscheidend mitgewirkt, und es war dafür, daß er den hohen Titel eines Päpstlichen Protonotars erhielt.

Auf die deutsche Politik der Zeit vor 1933 hat Prälat Kaas, der auf dem Parteitag in Köln 1928 mit großer Mehrheit als Nachfolger von Wilhelm Marx zum Vorsitzenden der Zentrumspartei gewählt wurde, starken Einfluß ausgeübt. Eine Regierung ohne das Zentrum, das „Zünglein an der Wage“, war kaum möglich, und Kaas hat diese Schlüsselstellung als geschickter Taktiker auszunützen verstanden.

Er war Rheinländer und Föderalist. So kann man sich nicht wundern, daß seine Gegner in den Rechtsparteien ihm Separatismus vorwarfen. Es hat sich dafür nie auch nur der Schatten eines Beweises gefunden. „Die Schwarzen standen Schmiere, wenn die Roten stehlen gingen“, schrien die Nationalisten und meinten damit in erster Linie den Mann, dessen Einfluß die Regierungskoalition von Zentrum und Sozialdemokraten in der entscheidend wichtigen preußischen Machtstellung über alle Fährnisse hinweg rettete. Daß Kaas die Politik Stresemanns, die nach Locarno und in den Völkerbund führte (er gehörte der Delegation an, die in Genf 1926 die Aufnahme Deutschlands vollzog), loyal unterstützte, war eine Selbstverständlichkeit.

Der Staatsstreich Papens gegen Preußen am 20. Juli 1932 leitete das Ende von Kaas’ politischer Stellung ein. Er hat die Regierung Papens, die sich herausnahm, im Namen der „nationalen Katholiken Deutschland“ zu sprechen, bitter bekämpft. Um so mehr mußte es verwundern (und bis heute ist dies ein Schatten auf seinem Namen), daß er nach Schleichers Sturz in Verhandlungen mit Hitler eintrat. Er scheint geglaubt zu haben, daß man die Nationalsozialisten allmählich „entgiften“ und durch den Einfluß des Zentrums mit besseren Manieren hätte versehen können. Aber Hitler, von vornherein zu Diktatur und Verfassungsbruch entschlossen, bedurfte des Zentrums nicht; und bedroht an Leib und Leben, mußte Kaas Deutschland verlassen.

Er hat dann wesentlich dazu beigetragen, den Vatikan über Papens eigentliche Rolle aufzuklären. Man sagt, daß die an Deutschland Und seine Jugend gerichtete päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vom Jahre 1937, durch die manche Verwirrung und mancher Gewissenskonflikt. hervorgerufen durch das Konkordat vom Juli 1933, beseitigt wurde, auf den Einfluß des Prälaten zurückgeht.