Ums Jahr 300 vor Christi Geburt stand der griechische Mathematiker Euklid in Alexandrien vor König Ptolemäus Philadelphus. „Euklid“, fragte der mathematisch anscheinend unbegabte Herrscher, „gibt es für mich keinen Zugang zu deiner Wissenschaft?“ Der große Geometriker erwiderte, indes Seine Majestät zusehends trauriger wurde: „Zur Mathematik, o mein Gebieter, führt kein Königsweg.“ Er sprach dies große Wort gelassen aus – aber auch etwas voreilig ...

Denn heute, im Jahre 1952 nach Christi Geburt, könnte Ptolemäus lachen. Königsweg? Überflüssig, wenn man begabt ist! Und daß man es ist – nun, die Psychologen scheinen Grund zu haben, solches anzunehmen. Auf der Hauptversammlung des „Deutschen Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts“ erklärte nämlich Tübingens Ordinarius für Pädagogik, Professor Hans Wenke, daß vermeintlicher Begabungsmangel für Mathematik sich meistens als Autosuggestion erweise.

Ach, wenn das unsere „Mathe“lehrer schon gewußt hätten ... In der Prima hatten wir einen – wir nannten ihn „Mäuschen“, dabei erinnerten seine weißen Schnurrbarthaare viel eher an einen Kater –, der wußte es eben noch nicht. Sagte einer von uns (und so sagten die meisten), er könne den Beweis aus der letzten Stunde nicht wiederholen, dann fragte Mäuschen stereotyp: „Faul gewesen?“ Das war seine Version vom Königsweg. Regelmäßig seufzte dann der Betroffene: „Ich habe wohl kein Organ dafür.“ Wozu der Professor meinte: „Ja, dann“ – hier strich er seinen Schnurrbart nach unten – „aber eine Fünf bekommen Sie trotzdem“ – und er Strich die Barthaare wieder nach oben.

Ich stelle mir vor, Mäuschen hätte doch gewußt, daß wir nur einer Autosuggestion verfallen waren. Sicher hätte er tiefes Mitleid für unseren Pythagoras-Komplex gehabt. Aber wie ihn heilen? Schlechte Zensuren, Auswendiglernen: „Die Summe der Quadrate über den beiden Katheten ist gleich...“ – nein, so würde das Trauma bloß immer noch schlimmer werden. Am besten wäre, die Autosuggestion der Schüler durch die Suggestivkraft des Lehrers zu beseitigen (nötigenfalls mit Hilfe eines Hypnotiseurs). In Trance würden’s auch die Unbegabtesten – eh, nein, die Autosuggeriertesten natürlich – begreifen, daß der Differentialquotient einer Funktion der Grenzwert des Quotienten ist, dessen Nenner – Variablen – Funktionswertes – für den Fall, daß ... Ja, für den Fall, würde er doch wohl lieber gleich beim Direx einen Hypnotiseur beantragen.

Professor Mäuschen hätte zweifellos uns allen die Mathematik anti-autosuggeriert – bis auf meinen Freund, der Schauspieler werden wollte (und den Primus verächtlich einen „Integralsritter“ nannte). Die beiden hatten sich – auch in Hypnose – nichts mehr zu sagen, seit mein Freund einmal vor der Stunde an die Tafel schrieb: „Romain Gagnon an seinen Neffen Stendhal: ‚Mein Lieber, du hältst dich für einen gescheiten Kopf, und du bist voll unerträglichen Stolzes wegen deiner Erfolge in den mathematischen Fächern. Aber das alles ist nichts – man kommt in der Welt nur durch die Frauen vorwärts.‘“

Offenbar ein schwerer Fall von Autosuggestion. Apropos: ob es wirklich Autosuggestion unseres vermeintlichen Begabungsmangels war, die Mäuschen mit seiner Wissenschaft an uns scheitern ließ? Egmont Colerus schrieb in seiner Mathematik für jedermann, „Vom Einmaleins zum Integral“, einen Satz, der wie auf unseren Professor gemünzt klingt (obwohl, ich schwör’s, er seinen Namen nicht daher bekommen hatte): „Die Mathematik ist eine Mausefalle. Wer einmal in dieser Falle gefangen sitzt, findet selten den Ausgang, der zurück in seinen vormathematischen Seelenzustand leitet ... Die erste Folge der ‚Mausefallen-Eigenschaft‘ der Mathematik ist ein großer Mangel an mathematischen Pädagogen ... Dadurch aber ergibt sich als zweite Folge der ‚mathematische Minderwertigkeitskomplex’ breiter Schichten.“

Im übrigen: wir unbegabten Leidensgenossen des Ptolemäus können uns revanchieren. Man braucht ja nicht gleich so grob zu werden wie der Antimathematikus Schopenhauer: „Daß die niedrigste aller Geistestätigkeiten die arithmetische sei, wird dadurch belegt, daß sie die einzige ist, welche auch durch eine Maschine ausgeführt werden kann.“ Vielmehr so: die Mathematiker, je geometrischer und algebraischer sie sind, desto weniger können sie rechnen – wie jedermann weiß. Manche Koryphäe vergriff sich schon bei sieben mal neun im Resultat, und David Hilbert soll die Addition von Zahlenkolonnen nicht nur aus pädagogischen Gründen seinen Studenten überlassen haben. Das scheint die Autosuggestion der Mathematiker zu sein ...

E. P. Michalek