Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Mai

In der ersten Maiwoche haben sie alle in Berlin getagt: die deutschen Verleger, die Schriftsteller, die Studenten, die Soziologen und die Leute von der politischen Wissenschaft. Bei allen erschien, gern begrüßt, Theodor Heuss, der Bundespräsident, aber mehr noch der Professor, der Literat, der Publizist. So mischte er sich, im schönen Gästehaus am sommerlichen Wannsee, am Schluß des mehrtägigen Dichter-Palavers, unter die Schreibenden, die geschäftig über die so Wenig lukrative Mühsal des Schreibens plauderten.

Darüber hatten sie schon drei Tage lang gesprochen: die etwa hundert Schreibenden, die zum ersten Male in einem gemeinsamen Treffen der deutschen Schriftstellerverbände nach 1945 in Berlin zusammengekommen waren. Es war nicht leicht gewesen, sie hier zu versammeln: die Stefan Andres und Walter von Molo, die Kasack und Rehfisch, Beheim-Schwarzbach und von der Schulenburg. Viele, unter ihnen außerdem, die in der Organisation und im Zusammenkommen schon ein Paradoxon der schriftstellerischen Einsamkeit sehen, rechnen wir gar nicht mit. Da stellte sich schon vor dem Treffen das Problem: Wer soll das bezahlen? Mäzene wurden gerufen. Der Staat, der den Schreibenden so lange und heftig verdächtig ist, sollte helfen. Er hat manches für die Berliner Tage getan, aber es reichte nicht, und so haben die Westberliner Sender, Rias und NWDR, geholfen.

Es war auch beinahe paradox, wie die erste Zusammenkunft der deutschen Schriftsteller nach dem Ende des kultur- und kunststrangulierenden Zwangsstaates den Staat von heute durchweg verantwortlich machen wollte für die Kümmernis der Existenz, in die heute das Buch und die Schreibenden geraten sind. Mit beträchtlichem Groll rechnete ein Wissender auf, daß von den mehr als hundert deutschen Bühnen nur wenige nicht staatlich subventioniert seien. Wer aber. subventioniert den Schriftsteller? – diese Frage stand bange über den Diskutierenden. Gut, daß der Verleger Claasen dabei war und abwehrend die Hände gegen die Meinung erhob, der Staat möge die Verlage subventionieren. Solchermaßen hagelte es Widersprüche in den Sitzungen, ob sie das Thema „Staat und Kultur“, „Freiheit und Zensur“ oder die soziale Lage der Schriftsteller Zum Gegenstand hatten.

Verblüffend, allerdings vernünftig war auch, daß die Schriftsteller gerade von jenen Leuten, die sozusagen die gebundene Marschroute, die Organisation, ja den „Staat“ vertreten, verlangen, daß die Freiheit des Geistes und Freizügigkeit des geistigen Menschen bewahrt bleibe. Ein Verlangen, das die Unterstützung eines Vertreters des Staates fand, denn es war der Oberstaatsanwalt Buchholz aus Hamburg, der mit prächtigen Exempeln historischer Zensurverirrungen als der leidenschaftlichste Kämpfer gegen alle Versuche auftrat, der Zensur eine neue Legitimität zu geben.

Es wurde in Berlin von Organisations- und Alterssorgen der Schreibenden gesprochen. Aber für die Lesenden ist wohl die Forderung der deutschen Verleger von mehr Interesse, die – zum Teil mit ihren Autoren zusammen – ebenfalls in Berlin tagten. Ihr Vorsitzender, der Chef des Freiburger Herder-Hauses, Dr. Knecht, trat mit hartem Gang gegen die Konjunkturkollegen an: gegen die Verleger restaurativer Memoiren-Literatur, gegen Remer-Broschüren und manchen anderen schrillen Klang in der heutigen Literatur. Das Schiller-Theater hallte wider vom lauten Beifall als Dr. Knecht meinte, die Wiedervereinigung in Freiheit sei nicht vereinbar mit der Restauration eines alten Nationalismus. *