Es müßte eine Lust sein, die Menschheit aus dem Griff der Seelenärzte zu befreien und sie ihren wahren Problemen zurückzugeben, wenn man nur sicher wäre, ‚daß man ihr damit einen Gefallen täte. Es ist allerdings richtig, daß die Patienten mehr zu tadeln sind als die Ärzte, die ja niemanden holen, der nicht kommen will. Der Mensch hat zwar die Wissenschaft erfunden, aber nicht auch gleichzeitig das Mittel entdeckt, ihren Gang aufzuhalten. Das gilt auch für die Psychotherapie, für die Psychoanalyse und alle anderen Lehren oder Methoden, die sich auf dem schmalen Grat zwischen Leib und Seele so ausgiebig tummein, als wäre er ein unabsehbares Blachfeld. Ich werde mich hüten, gegen die Erkenntnisse und Behandlungsmethoden, die sich aus diesen Wissenschaften ergeben, meine Stimme zu erheben. Ihre Leistungen sind beträchtlich, und außerdem ist die strenge Stimme des Fachmanns zu fürchten, der uns zwar alle behandeln möchte, aber neugierige oder gar kritische Fragen nicht liebt. Aber vielleicht darf man ein wenig mit den Patienten reden und mit denen, die es werden wollen.

Wo der Mensch mit dem Leben nicht fertig wird, da glaubt er eine Neurose zu haben. Wenn er sich vor dem Staatsexamen, vor der Hochzeitsnacht oder vor der Atombombe fürchtet, fühlt er sich an den Spezialisten verwiesen, der für Neurosen zuständig ist. Die schnell herbeigerufene Neurose kann nur noch den eingetretenen Arzt feststellen. Die Person hört auf, die Krankheit fängt an. Es gäbe ja an sich die Möglichkeit, daß der Verzagte, der in die Sackgasse geraten ist, mit seinem Gewissen oder gar mit seinem Charakter zu Rate ginge. Denn gehört es nicht zu den natürlichen Bedingungen des Daseins, immer wieder zu versagen und aufs Neue zu beginnen? Unser sterblich und unsterblich Teil bedingt den ständigen Kampf mit uns selbst. Wir haben uns unsere Nöte selbst eingebrockt, übermütig und willensfrei, wie wir sind, und nun stehen wir da, lassen den Kopf hängen und stellen es der Wissenschaft anheim, uns aus der Affäre zu ziehen. „Nun ja“, wird der Seelenarzt nachsichtig bemerken, „die Flucht in die Neurose ist an sich schon eine Krankheit.“ Wir können uns also drehen und wenden, wie wir wollen, krank sind wir auf jeden Fall. Das klingt recht düster und ist doch so bequem. Wer ginge nicht lieber in die Sprechstunde als ins Gericht mit sich selbst!

Nun wird gesagt, daß du Neurose der Preis sei, den wir für unsere kulturelle Entwicklung zu zahlen hätten. Die Menschheit, so heißt es, habe ihre äußeren Vorrichtungen so vervollkommnet, daß sie an ihrem Wesen Schaden genommen habe und Heilung suchen müsse. Dabei wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß es uns nicht vergönnt ist, die Entwicklung wieder in die Hand zu bekommen. Das ist ein schönes Bild; düster und seines Verderbens bewußt, forscht der Mensch weiter, durchleuchtet die sichtbare Welt, bis sie unsichtbar geworden ist, und stellt dann fest, daß es jetzt an der Zeit ist, eine Neurose zu haben. So entzieht er sich der Vergeltung für seine wilde Unternehmungslust und ist überzeugt, billig davongekommen zu sein. Es ist verständlich, daß er lieber an einer Seelenkrankheit als den Folgen seines eigenen Tuns leiden will. Denn nur aus diesem entspringt das wahre Leiden, das durchzustehen ein Stolz jedes Sterblichen sein sollte. Demnach bestände die eigentliche Zeitkrankheit in einer Ungeneigtheit, ja Unfähigkeit, echtes Leid zu empfinden? Man wird einwenden, daß die Neurosen auch Leiden schaffen. Das ist richtig, und jeder Arzt wird es um so bereitwilliger bestätigen, als er ja das von ihm geforderte Geschäft nicht ausüben kann, wenn er kein pathologisches Bild zusammenbekommt. O ja, eine tüchtige Neurose reicht schon aus, um einen Menschen elend zu machen. Aber es ist ein Elend jenseits der Moral. Auf den Ruf des Gewissens „Bessere dich!“ antwortet wie ein Echo aus dem Nichts der Patient: „Bessere meinen Zustand!“

Fordere ich damit das Schuldgefühl? Der Patient wird mir antworten, daß es ja gerade eine Schuldneurose sei, an der er leide. Aber was ist an dem Gefühl der Schuld eigentlich neurotisch, wenn es sich nicht um jemanden handelt, der völlig unschuldig ist und an den Mißständen dieser Welt überhaupt keinen Teil hat. So einen Menschen möchte ich sehen. Wenn er nicht zur Kategorie der neugeborenen Kinder gehört, für die bisher. noch keine psychotherapeutische Behandlung vorgesehen ist, wird er schon ein bißchen von der Verantwortung mittragen, die sich aus unserem Treiben auf diesem Stern ergibt. Er soll nur einmal genau nachsehen. Etwas wird er schon finden, es wird sein Schade nicht sein. Es geht doch nicht an, daß wir erst den Erdball in die Luft zu sprengen versuchen und dann als unreine Toren beim Seelenarzt anklopfen und ihm sagen: „Herr Doktor, ich habe hier so ein seltsames Schuldgefühl. Wie komme ich dazu? Können Sie es mir nicht wegbringen?“

In dem Maße, wie die Selbstachtung des Menschen sinkt, steigt das Prestige der Krankheit. Die Ohnmacht vor den moralischen Verwirrungen kommt ihr in einem solchen Umfang zugute, daß man sagen kann, an Stelle der sittlichen Würde sei die Würde des Pathologischen getreten. Wer sie anzutasten wagt, gilt als zeitfremd, am Ende gar als empfindungslos gegen das Leiden der Menschheit; Ist sie denn für ihre Miseren nicht mehr verantwortlich, hat sie mit ihnen nichts zu tun, weder als Urheber noch als Begünstiger? Die Krankheit, die auf der Grenze von Leib und Seele sich entfaltet, wird zum Fetisch all derjenigen, die diese von jenem getrennt haben. Ein Leib ohne Seele ist gewiß eine furcht-, bare Vorstellung. Aber ist eine Seele ohne Leib nicht ebenso erschreckend und unmenschlich? Was wissen wir von der Seele? Dagegen wissen wir viel vom Charakter und Willen des Menschen, wir spüren sie täglich und ahnen zum mindesten, daß sie unserer Gestaltung zugänglich sind. Innere und äußere Konflikte sind der Menschheit bester, wenn auch nicht bequemster Teil. Sie mit sich selbst auszutragen, liegt in der Menschennatur oder sollte doch jedenfalls in ihr liegen. Wenn ich einer Situation nicht gerecht werden kann, bin ich dann krank oder schwach? Ich bin weder das eine noch das andere, sondern ein ganz alltägliches Wesen, das seinen steinigen Pfad mühsam dahingeht. Es heißt sich selbst aufgeben, wenn man die Ratlosigkeit vor Konflikten nicht auf sich nimmt und sie auf das Feld der Neurosen abschiebt.

Jedes moralische Gebiet, das der Mensch räumt, wird von den Spezialisten für Neurosen besetzt. Ihnen ist daraus kein Vorwurf zu machen, denn es liegt in der Automatik der modernen Wissenschaften, kein menschliches Vakuum zu dulden. Sie verhalten sich in diesem Punkt nicht anders als der Staat, der, ob er will oder nicht, in die Lücken einrückt, die das sinkende Freiheitsgefühl des Einzelnen entstehen läßt. Wenn wir uns weigern, gegenüber unseren Ängsten und Fehlschlägen eine sittliche Position zu beziehen, so ist die medizinische Stellungnahme unvermeidlich. Wir hätten wohl mehr als genug Veranlassung, unser Versagen im Beruf, gegenüber dem Weiblichen oder auch gegenüber den Problemen der Allgemeinheit mit einer Gewissenserforschung zu beantworten, aber wir ziehen es vor, dem Arzt eine Neurose anzubieten, die um so leichter festzustellen ist, als sie „auch ohne klinische Symptome“ auftreten kann. Sie heißt dann „Charakter-Neurose“, und das Krankheitsbild ist in bester Ordnung, mag dabei auch das Weltbild, ohne das kein freier Mensch sollte leben können, zum Teufel gehen.

Neurotisch,ist, so teilt uns ein Psychotherapeut mit, ein Künstler, „der monatlich hundert Mark verdient, jedoch bei weitem mehr verdienen könnte, wenn er mehr Zeit auf seine Arbeit verwendete, der aber statt dessen versucht, sein Leben so gut wie’s eben geht, mit dieser Summe zu genießen, und lieber einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Gesellschaft von Frauen zubringt oder sich mit technischen Spielereien beschäftigt.“ Hier dürfen wir wohl einmal den Fuchs aus seinem Satzbau locken und unterstellen, daß mit diesem Beispiel – es stammt natürlich aus Amerika – eine Abweichung von „den anerkannten, allgemein üblichen Verhaltensweisen unseres Zeitalters“ gemeint ist. Uns kommt dieser Künstler höchst vernünftig vor, wenn auch zugegeben sein mag, daß hundert Mark ein bißchen wenig sind. Anstatt mehr zu arbeiten, bringt er seine Zeit in weiblicher Gesellschaft zu – der Fall schreit ja förmlich nach seelenärztlicher Behandlung. Und nicht zu sanft, bitte, denn wohin kämen wir mit solchen Abweichungen!