Nach dem Ergebnis unseres Preisausschreibens könnte es so aussehen, als würden alle wichtigen Bücher nur noch von Männern geschrieben. Jeder Blick auf einen Tisch mit Neuerscheinungen belehrt uns aber, daß Bücher von Frauen nicht unbedingt nur Bücher für Frauen sein müssen. Die folgenden Werke jedenfalls erheben mit Recht den Anspruch, zur Literatur schlechthin gerechnet zu werden, vielleicht gerade weil, sie die weibliche Anschauungsweise besonders zur Geltung bringen.

Annette Kolb: Das Exemplar. Roman (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 252 S., Leinen 14,– DM).

Wohl das glitzerndste Werk der Meisterin des ironischen Selbstporträts: Zwei Monate in London zur Suffragettenzeit, erlebt von einem jener Spiegelbilder Annette Kolbs, die bei aller freiherzigen Gesinnung so gar nichts Frauenrechtlerisches hat.

Colette: Erwachende Herzen. Roman (Paul Zsolnay Verlag, Wien, 235 S.).

Man nennt Colette „den größten lebenden Schriftsteller Frankreichs“. Die erste deutsche Ausgabe des kleinen Liebesromans „Le Blé en Herbe“ beweist ihren hohen Rang. Wer sonst könnte diese ungemein verfänglichen Liebesszenen zwischen dem sechzehnjährigen Philippe und der fünfzehnjährigen Vinca mit solch delikater Deutlichkeit durchzeichnen?

Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind und andere Erzählungen (Scherpe-Verlag, Krefeld, 92 S., 3,40 DM).

Was ist das Weibliche an dieser großen Erzählerin, die viele ihrer männlichen Kollegen in die Tasche steckt? Die Thematik ist es nicht, eher wohl ihre Weitherzigkeit und undoktrinäre Gelassenheit. Jede der zehn Novellen dieses Bändchens zeigt die souveräne Unbefangenheit einer Dichterin, die sich dem Leben ganz und gar geöffnet hat.