Gebrauch und Mißbrauch einer Erfindung

Vor zwei Jahren bestaunten wir ein amerikanisches Diktafon, das so groß war wie ein mittlerer Radioapparat und völlig geräuschlos Diktate und – Gespräche aufnahm, die es dann in jeder gewünschten Lautstärke wiedergab. Es war ein praktisches Gerät für den Kaufmann, Industriellen, Intellektuellen. Doch fiel uns damals schon auf, daß es auch ein praktisches Gerät für den Querulanten, den Denunzianten und nicht zuletzt für den Agenten der politischen Polizei war. („Die Zeit“ vom 23. März 1950.) Auf der diesjährigen technischen Messe in Hannover wurde gezeigt: ein ähnliches, aber weitaus praktischeres, und daher auch weit bedenklicheres Gerät: Das Diktafon 1952 ist nur mehr so groß wie ein kleines Zigarrenkistchen (17×11×3,5 cm), wiegt 960 g und kann bequem in die Jackentasche gesteckt werden. Es arbeitet mit Batteriestrom und nimmt durch ein kleines, unbemerkt zu tragendes Mikrofon Diktate und Gespräche bis zu einer Dauer von zweieinhalb Stunden auf, die es dann durch, einen Kopfhörer oder über den Lautsprecher eines beliebigen Radioapparates wiedergibt.

Dies Werkzeug leistet also als Diktafon dieselben Dienste wie der große amerikanische Apparat von damals, der doppelt so viel kostete; es leistet aber als Abhörgerät – leider – erheblich mehr. Die alten großen Diktafone konnte man schwerlich spazieren tragen, ohne daß es bemerkt wurde, sie waren auch schwer so aufzustellen, daß niemand etwas von ihnen bemerkte. Zumindest war man sicher, nicht abgehört zu werden, wenn man im eigenen Büro oder in einem öffentlichen Lokal Gespräche führte. Heute dagegen kann

einem jeder sein Diktafon ins Haus mitbringen, ohne daß man etwas davon ahnt, man mag gemütlich beim Essen sitzen und über Geschäfte oder über Politik reden, ohne zu wissen, daß der Partner alles auf das Diktafonband aufnimmt, womit er einen festlegen, ja hereinlegen kann, indem er all das vom Band löscht, was er selber gesagt hat, und nur das stehen läßt, was für ihn nützlich ist. So wird das „kleine Wunder“ – es heißt Minifon und wird von einer deutschen Firma hergestellt – wenn es sich einmal durchgesetzt hat, als Diktafon sehr viel zur Arbeitsersparnis, als Abhörgerät aber sehr wenig zur Gemütlichkeit beitragen.

Wo es unbemerkt in Betrieb gesetzt wird, wird es Streit und Ärger hervorrufen, und wo es noch gar nicht vorhanden ist, wird es Mißtrauen schaffen, vom Arbeits- bis zum Schlafzimmer. Das ist eine tragische Geschichte. An nichts könnte man besser sehen, wie der Fortschritt der Technik das Leben aushöhlt. W. F.