Zwei Momente haben in der vergangenen Woche die Entwicklung an den deutschen Börsen entscheidend beeinflußt: Die Auflegung der achtprozentigen bayerischen Schatzanweisungen und die Debatte im Bundestag, in der es um die Heranziehung des Aktienbesitzes zum Lastenausgleich ging. Beide Faktoren haben ausgereicht, um das gerade wieder so hoffnungsvoll in Bewegung gekommene Geschäft zum Erliegen zu bringen. Erfreulicherweise waren sie andererseits, nicht starkgenug, eine ins Gewicht fallende Verkaufswelle auszulösen. Die Schatzanweisungen des bayerischen Staates haben an der Börse überrascht und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die übrigen Wertpapiere, von denen kaum eines eine gleich hohe Rendite zu bieten hat, bedenklich gestimmt. Dennoch sind Umtauschaktionen größeren Umfanges ausgeblieben. Man verkennt aber nicht, daß durch die Neuzeichnungen anlagebereite Gelder dem allgemeinen Börsengeschäft entzogen wurden, was sich eine Weile störend bemerkbar machen dürfte. Im übrigen kam deutlich zum Ausdruck, wie stark der Gesichtspunkt der Sachwertsicherung, die eine lange Zeit bei Geldanlagen die wichtigste Rolle spielte, von Ertragsüberlegungen verdrängt wird.

Die Lastenausgleichdebatte im Bundestag hat namentlich bei den Kleinaktiensparern eine beträchtliche Unruhe ausgelöst, weniger wegen der zur Diskussion stehenden Abgabequoten als der zutage getretenen Kapitalfeindlichkeit eines großen Teiles unserer Volksvertreter, die einer Diskriminierung des Aktionärs so bereitwillig zustimmten. Aus dieser Haltung kann man schließen, daß die Schwäche des Marktes lediglich aus einer augenblicklichen Verstimmung und Zurückhaltung der Käufer resultiert, die sehr schnell wieder vorüber sein kann. Das jetzige Kursniveau ist ohne Zweifel nicht überhöht und muß im Gegenteil als aufbaufähig betrachtet werden. Das Angebot hielt sich auf allen Gebieten in engen Grenzen. Wenn es dennoch zu Kursrückgängen und in anderen Fällen zu Briefkursen kam, so lag dies an der fehlenden Aufnahmeneigung der Börsenkundschaft. Als Folge dieser Haltung mußten die Montane die in den letzten beiden Wochen erreichten Kursgewinne zum größten Teil wieder hergeben, wobei Mannesmann, die auf Gerüchte eines günstigeren Umstellungsverhältnisses als 1 : 1,5 um mehr als 19 Punkte anzogen, eine Ausnahme bildeten. Ebenfalls aus Umstellungserwägungen heraus vermochten sich die Aktien der Gutehoffnungshütte relativ gut zu halten.

Vom Umsatz her betrachtet war das Geschäft, das schon vor den erwähnten, gravierenden Ereignissen keineswegs als zufriedenstellend betrachtet werden konnte, auch auf den übrigen Märkten ziemlich schwach. Am Ende der vorigen Börsenwoche konnte von einer echten Bewertung etwa nach dem inneren Wert, der Ertragslage, der Beschäftigung und der Aussichten bei der durch Zufall bedingten Kursbildung vielfach nicht mehr gesprochen werden. Die Papiere der ehemaligen Großbanken lagen nach Wochen anhaltender Nachfrage mehrprozentig abgeschwächt, obgleich die Umstellungsschätzungen unverändert zwischen 10 : 6 bis 10 : 8 schwankten. Die Kurse sind danach also noch unbedingt preiswert. Eine endgültige Klarheit wird hier im Juni oder Juli erwartet. Bei den Versorgungswerken gaben RWE ihren in letzter Zeit erworbenen Kursgewinn wieder her. Dagegen waren die Verluste bei den HEW-Aktien weitergehend (25. April: 95 v. H. 9. Mai: 85 v. H.). Die Börse reagierte also deutlich auf die kapitalfeindliche Politik des Hamburger Senats, der es der Werken aus dogmatischen Gründen, verwehrte, zur Deckung des unbedingt notwendigen Investitionsbedarfes eine Wandelanleihe aufzulegen, ohne übrigens bekanntzugeben, auf welchem anderen Wege die fehlenden Mittel beschafft werden sollen. Eine neue Wandelanleihe will die Vereinigte Jute-Spinnereien und Webereien AG., Hamburg, auflegen. Die 4 Mill. DM Wandelschuldverschreibungen sollen mit einen Umtauschrecht in Aktien im Verhältnis 5 : 4 ausgestattet werden.

Auf dem Zellstoff-, Kunstfaser- und Textilgebiet wirkte sich zusätzlich die für diese Betriebe besonders schwierige Wirtschaftslage negativ auf den Kurs aus. Sie haben nicht von der um Ultimo herrschenden freundlichen Tendenz profitieren können. Günstig vermerkt wurde die Nachricht, daß die AEG im laufenden Geschäftsjahr einen Umsatz von 500 Mill. DM erzielen wird. Die Aktien der Gesellschaft fanden infolgedessen auch zu mehrprozentig erhöhten Kursen bereitwillig Aufnahme und die Börsenunlust wirkte sich daher nicht so stark aus wie bei Siemens, wo die Stammaktien am Ende der zweiten Maiwoche zu 112 v. H. angeboten wurden. Motorenwerke paßten sich der jeweiligen Tendenz an. Dabei fielen Demag nach einem Verlust von sechs Punkten ungefähr wieder. auf den alten Stand zurück.

Bei den festverzinslichen Papieren war in den zurückliegenden beiden Wochen eine Belebung zu spüren, als deren Ursache die Steuerreformpläne des Bundesfinanzministers angesehen werden sowie die Arbeiten des Schamberg-Ausschusses, der sich auch mit der möglichen Aufwertung der RM-Pfandbrfefe befaßt. Das Hauptinteresse konzentriert sich auf die Zuteilungsrechte der Alt-Pfandbriefe und Reichsmark-Industrieobligationen, die im Hinblick darauf, daß ihnen noch alle Zinsansprüche ab Kriegsende anhaften, besonders reizvoll erscheinen. Auf Grund der starken Nachfrage zogen die Kurse mehrprozentig an. Leider haben die bayerischen Schatzanweisungen dieser erfreulichen Bewegung bei den RM-pfandbriefen ein jähes Ende, bereitet. Die RM-Obligationen blieben auch weiterhin gefragt und waren in Einzelfällen im Kurs noch höher notiert. –ndt.