Brüssel, Mitte Mai

Während in Westdeutschland das Gespräch über die sich als immer notwendiger abzeichnende Koordinierung der Mustermessen noch zu keinem endgültigen Ergebnis geführt hat, ist das kleine, aber äußerst tatkräftige Belgien über diese Frage längst zur Tagesordnung übergegangen: die Brüsseler Messe und die Messe Lüttich – dort Verbrauchsgüter, hier technischer Bedarf – findet Jahr für Jahr zur gleichen Zeit statt und geben in- und ausländischen Besuchern ohne Schwierigkeiten die Möglichkeit, ein umfassendes internationales Warenangebot zur Kenntnis zu nehmen.

In Belgien ist man sich in allen Kreisen von Staat und Wirtschaft durchaus bewußt, daß das Land als ein im internationalen Wirtschaftsleben besonders heiß umworbener Absatzmarkt gilt. Man weiß daher, was man will. Das gilt auch für die intensiven Bemühungen, nach dem bescheidenen Start in den Vorjahren, in diesem Jahr deutsche Feriengäste in größerem Umfang nach Belgien zu ziehen. Aber auch wenn man diese Gesichtspunkte berücksichtigt, verdienen die vielseitigen Erleichterungen, die man Ausländern zum Besuch der am vergangenen Sonntag mit großem Erfolg abgeschlossenen Messen von Brüssel und Lüttich gewährte, auf jeden Fall volle Anerkennung. Dieses Entgegenkommen begann bereits bei den diplomatischen Auslandsvertretungen Belgiens, die kostenlose Einreisegenehmigungen ohne jede bürokratische Papierflut erteilten, und das Entgegenkommen, wurde von der Belgischen Luftverkehrsgesellschaft Sabena mit erheblichen Preisermäßigungen und einem vorbildlichen Service auf ihren internationalen Linien fortgesetzt. Das sind Beispiele, die durchaus Nachahmung finden dürfen ...

Die 26. Internationale Brüsseler Messe, in der Hauptsache eine Schau der Verbrauchsgüter, wurde auch in diesem Jahre sehr stark vom deutschen Warenangebot beeinflußt. Von den 4002 Ausstellern aus 32 Ländern war allein Deutschland mit 576 vertreten. Den zweiten Platz unter den Fremden nahm Frankreich (392) und den dritten Platz Großbritannien (237) ein. Die erheblichen Aufträge, die deutsche Aussteller für das belgische Mutterland und das Kongo-Gebiet hereinnehmen konnten, sind eine erneute und wertvolle Bestätigung des Interesses, das deutsche Erzeugnisse auf dem belgischen Markt genießen-Natürlich ließ sich die nachlassende Konjunktur weder in Brüssel noch in Lüttich übersehen. Jedoch kam klar zum Ausdruck, daß Belgien-Luxemburg der drittgrößte Abnehmer Westdeutschlands ist und für die Qualitätswaren seines deutschen Nachbarn eine große Aufgeschlossenheit besitzt.

Bevorzugte Aufmerksamkeit wurde dem offiziellen Pavillon der Bundesrepublik gewidmet, den die Nordwestdeutsche Ausstellungs-GmbH., Düsseldorf, wirkungsvoll ausgestaltet hatte. Hier fand der Besucher bereits eine treffliche Ausvahl deutscher Exportgüter. Offenbacher Lederwaren, bayerisches Porzellan, Hamburger Fischkonserven, westfälische Pumpernickel, Solinger Stahlwaren, Erzeugnisse der Keramikindustrie, Perlonstrümpfe, Schmuckwaren, optische Geräte und u. a. Werkzeuge warten um Auslandskäufer, die zum großen Teil vorher in Basel und in Hannover gewesen waren und hier nun anschauliche Vergleiche anstellen konnten. Nicht immer fielen leider diese Vergleiche zum Vorteil der deutschen Erzeugnisse (und Preise) aus. Aber doch standen in den Messehallen – das Brüsseler Messegelände und die repräsentativen Hallenbauten überraschen durch eine vorbildliche Geschlossenheit – viele deutsche Waren im Mittelpunkt des Interesses: ob es sich nun um Rundfunkgeräte, Küchenherde, Büromaschinen, Deutz-Diesel, Akkordeons, Elektroartikel, Nähmaschinen, Silberporzellan, Werkzeugmaschinen, Haushaltgeräte, Ohren, Polstermöbel oder die aus München kommenden Intarsien-Möbel handelte. Daß der Bundeswirtschaftsminister der Brüsseler Messe anläßlich des deutschbelgischen Ländertages (wie. anschließend auch der Messe in Lüttich)-seinen Besuch abstattete, fand bei staatlichen und wirtschaftlichen Stellen Belgiens eine erfreuliche Resonanz und brachte ihm und seinen Gedanken von der künftigen Wirtschaftsentwicklung. Europas hier neue Freunde.

Lüttich ist, im Gegensatz zu Brüssel, grundsätzlich eine technische Messe, die nun bereits zum vierten Male Bergwerkanlagen, das Hüttenwesen, den Maschinenbau und die Elektrotechnik zeigte. Die auf dem linken Maasufer liegenden modernen Messeanlagen verdienen mit der straffen Organisation der gesamten Messe ebenfalls ungeteilte Anerkennung. In den drei Hallen und auf dem Freigelände fand man Industrieerzeugnisse aus fünfzehn Ländern. Nach Belgien standen Deutschland und Frankreich an der Spitze der Aussteller. Aber auch die Schweiz, Luxemburg und selbst die deutsche Sowjetzone waren stark vertreten. Sogar Ungarn war mit Werkzeugmaschinen zu ungewöhnlich niedrigen Preisen erschienen. Von den westdeutschen Ausstellern fielen, die Bundesbahn mit ihren Transportbehältern, der geschmackvolle Siemens-Stand, die Stände Humboldt-Deutz, Eisenwerke Gelsenkirchen, Goetzewerke, Hans Still, Hauhinco und u. a. Nilsson & Korte auf. Eine von allen Fachkreisen anerkannte besondere Leistung brachte die belgische S. A. John Cockerill, Seraing; sie zeigte einen Eisenbahnkran mit einer Tragfähigkeit von 85 t.

Das Hauptgewicht dieser Messe lag betont bei der Förderung der Modernisierung und Rationalisierung der westeuropäischen Industrie. Die Messebesucher aus dem In- und Ausland fanden dazu gleich in unmittelbarer Nähe des prächtigen Messegeländes ein überzeugendes Beispiel: Belgiens erstes Wasserkraftwerk mit einer Jahresdurchschnittsleistung von 68,1 Mill. kWh, dessen erste Turbine – es wird insgesamt drei haben – am 1. April 1953 in Betrieb genommen werden, soll. Mit diesem Werk wird Belgien täglich 150 t Kohle sparen.

Dem großen Ziel der Modernisierung und Rationalisierung dienten in Lüttich auch eine Reihe von Fachtagungen wissenschaftlicher und technischer Art. Ihnen kam im Rahmen dieser Messe eine weitere Bedeutung noch dadurch zu, weil sich. Lüttich, unter Hinweis auf seine politische und industrielle Tradition, die internationale Berufung und die gegebenen Möglichkeiten um den Sitz der Schuman-Plan-Behörde bewirbt und dabei über recht günstige Aussichten verfügt: die Stadt liegt ja wirklich sehr vorteilhaft fast im Gebietsmittelpunkt der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Willy Wenzke