Strategische Sorgen und schlechtes Gewissen stützen den Staat

Von Marion Gräfin Dönhoff

Amman, im Mai

Befreiung... das ist offenbar immer eine Angelegenheit, die einem zweischneidigen Messer gleicht. Wenn man den Nahen Osten bereist, dann jedenfalls wird einem klar, daß die Befreiung der arabischen Provinzen nach dem ersten Weltkrieg genau so viel Unheil gestiftet hat, wie die Befreiung, Österreichs und Koreas und die Grenzziehung in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Damals hat die Befreiung vom "türkischen Joch" (und zwar ohne Mitwirkung der Amerikaner, die heute an allem schuld sein sollen) dazu geführt, daß die Provinz Syrien, die seit 400 Jahren unter der ottomanischen Herrschaft als Einheit verwaltet worden war, unter egoistischen Gesichtspunkten in Einflußsphären aufgeteilt wurde, die als Mandate den Anspruch auf Selbständigkeit in die zukünftige Geschichte trugen. So entstanden im Laufe der Zeit die Staaten Libanon, Syrien, Palästina und Transjordanien. Transjordanien aber war die unglücklichste Konstruktion von allen.

Transjordanien ist etwa so groß wie England, aber nur die Landschaft beiderseits des Jordan vom See Tiberias zum Golf von Akaba, ein Streifen von 300 Kilometer Länge und etwa sieben Kilometer Breite, trägt Frucht. Es gibt zwar allenthalben noch Gegenden, wo in höchst beschwerlicher Weise Ackerbau betrieben wird, aber das fällt kaum ins Gewicht. Bis zum Palästina-Krieg hatte Transjordanien 400 000 Einwohner. Danach verdreifachte sich die Bevölkerung auf 1,2 Millionen. Der Zuwachs an Land durch die Einverleibung der arabischen Teile Palästinas betrug aber nur 10 v. H. und bestand aus den unfruchtbarsten Gebieten Palästinas.

Wenn man sich einen Überblick über die wirtschaftlichen Grunddaten des Hashimit Kingdom of Jordan – wie das Land nach der Vereinigung Transjordaniens mit Teilen Cisjordaniens jetzt heißt – verschafft, dann kommt man unweigerlich zu der Überzeugung, daß das Land lebensunfähig ist. 1951 betrugen die Importe 12,7 Mill. Pfund, die Exporte aber nur 1,6 Mill. Pfund. Im Jahr zuvor waren es elf Millionen Import zu knapp zwei Millionen Export. Es gibt keinerlei Industrie im Land (außer Zigaretten- und Seifenfabriken für den eigenen Konsum). Das Steueraufkommen ist daher minimal; nur aus den Zöllen erwächst dem Staat ein gewisses Einkommen. Das Budget weist bei 24 Mill. Pfund ein Debet von 14 Mill. Pfund auf, das vorwiegend von den Engländern gedeckt wird. Und mehr als ein Drittel der Bevölkerung, nämlich 450 000 palästinische Flüchtlinge, werden durch die Hilfsorganisation der UNO ernährt, die ihnen ihre täglichen Rationen zuteilt.

Sparen gleich Bauen