Lachens ein Denkmal errichtet werden soll

Nachdem ein Franzose – Jean Neuvcelle – den Humor der Italiener geschildert hat („Die Zeit“ vom 8. Mai), hier der Bericht einer Deutschen – Eka Merveldt – über den spanischen Witz, soweit er sich in Pointen, Anekdoten, in Zeichnungen und – in politischen Glossen über das System Francos auszudrücken vermag. Das Urteil ist weitaus liebenswürdiger als das des französischen Autors über die italienische Lebenshaltung. Kein Wunder –: es schlägt die deutsche Vorliebe für das stolze und phantasievolle Wesen des spanischen Volkes durch, dem stets unsere Sympathie gehörte.

Man lacht woanders anders – das soll heißen: Witz und Humor sind nach Nationen und Ländern verschieden. Alvaro de Laiglesia aber, der das einzige große spanische Witzblatt „La Codorniz“ leitet, sagt: „Es gibt jedoch Verbindungslinien rund um den Erdball das sind die Breitengrade. Die amerikanische Witzzeitung The New Yorker,die italienische Candido in Mailand und unsere Zeitschrift La Codorniz, die in Madrid und Barcelona herauskommt, haben die gleiche Linie. Mein italienischer Freund Guareschi und seine Mitarbeiter vom Candido werden ebenso wie Soglow und andere Zeichner des New Yorker häufig in unserer Zeitschrift gedruckt.“

Codorniz heißt „Die Wachtel“, und sie wird dem Fremden in Madrid, wenn er kaum angekommen ist, als das einzige spanische Blatt genannt, das auch einmal an den heutigen Politikern Spaniens Kritik übt. Das Blatt ist verhältnismäßig jung, aber die Anhängerschaft wächst. Ganz Madrid lacht über das Bild ihres Alcalde, des Oberbürgermeisters, in der letzten Nummer der „Codorniz“, in dessen Amtszimmer ein Bote tritt und sagt: „Die beiden Herren draußen lassen melden, das Bad ist bereitet.‘ In der offenen Tür aber sieht man zwei Teufel vor dem dampfenden Bottich, in dem der Alcalde schmoren soll.

Für den Spanier steht immer der Mensch im Vordergrund und nicht die Sache. Persönliche Beziehungen haben im öffentlichen, wie im privaten Leben stets eine weit wirksamere Rolle gespielt als sachliche Momente und Erwägungen. Daher das Wort, das der Satiriker Julio Gamba prägte: „Anderswo werden die Menschen den Ideen geopfert; in Spanien opfert man die Ideen den Menschen.“

In Deutschland werden große Menschen zu Ideen, aber in Spanien liebte man stets das Menschliche, auch allzu Menschliche der Großen. Deshalb liebt der Spanier es auch, Karikaturen seiner Politiker zu sehen, nicht so sehr aus Spottsucht, sondern weil er menschliche Züge an ihnen entdecken möchte. Aber da totalitäre Regenten nicht über sich selbst lachen können, so dulden sie auch nicht, daß es die andern tun. Wie hilft der spanische Humorist sich in diesem Dilemma? Wie kann er es wagen – wie dies in Codorniz geschieht – einen Alcalden zu zeigen, der ein neues System der Bebauung erfunden hat, indem er Bäume in die Stadt und auf die Häuser pflanzt, Laternen aber auf die Felder der Umgebung stellt? Oho, dieser fortschrittliche Alcalde sei gar nicht der Bürgermeister von Madrid, sondern irgendein Oberbürgermeister irgendwo in der Welt...

Man hat in Madrid den Eindruck, als wollte diese sehr repräsentative Stadt mit den herrlichen Avenidas und modernen Hochhäusern sich in rasender Eile zu einer überdimensionalen Weltstadt entwickeln. Aber das Volk der Spanier liebt heute wie je das dejado – die süße Lässigkeit, und so erzählen die Bürger Madrids in heiterer Gelassenheit, daß viele kühne Projekte- im Sande steckenbleiben – so buchstäblich die Oper, die seit 25 Jahren im Bau ist und im Sandgrund versinkt. Viele Witze pflanzen sich von Mund zu Mund auch über das neue Regierungsviertel am Ende der herrlichen Paseo de la Castellana fort, über die Bauten an der Avenida del Generalisimo, die so schwungvoll und großzügig begonnen wurden und seit Jahren halbfertig dastehen. Man erzählt sich, daß dieses Bauprojekt sich zum besten Arbeitsbeschaffungsprogramm der Regierung entwickelt habe, auch wenn das zu Beginn nicht die Absicht war. „Ist die Arbeitslosenzahl niedrig, so werden die Bauarbeiten eingestellt. Wächst die Arbeitslosigkeit, so bauen sie wieder“, erklärt man mit Augenzwinkern. Einen einzigen Scherz aber hörte ich, mit demselben Augenzwinkern vorgetragen, über den Caudillo, der wie sein Informationsminister aus Galicien, der Nordwestecke Spaniens, stammt. Es ist ganz einfach folgende Wettermeldung „Tormentos en la Vizcaya. Y en Madrid reina un fresco procedente de Galicia.“ „Fresco“ aber heißt zugleich frisch (auch frische Brise) und frech. „Stürme in der Biskaya. In Madrid herrscht ein Frecher, der aus Galicien kommt.“