Das Appellationsgericht in Nancy hat dieser Tage ein am 19. Dezember vergangenen Jahres gefälltes Urteil bestätigt, wonach Dr. Robert Ernst, während des Krieges Bürgermeister von Straßburg, als französischer Staatsbürger anzusehen sei. Ernst, der als Sohn elsässischer Eltern 1897 in Hürtigheim (Elsaß) geboren wurde, war nach der Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich deutscher Staatsangehöriger geblieben und ebenso wie seine Eltern nicht mehr ins Elsaß zurückgekehrt! Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er von den Amerikanern an die Franzosen ausgeliefert, die sich seit nunmehr sieben Jahren um den Nachweis bemühen, daß Ernst französischer Staatsbürger sei und daher als Landesverräter zur Verantwortung gezogen werden könne, weil er während des zweiten Weltkrieges Bürgermeister von Straßburg gewesen war. Auf diesen Standpunkt hat sich jetzt das Gericht in Nancy gestellt; es hat entschieden, daß alle Elsaß-Lothringer 1919 ohne weiteres Franzosen geworden seien, und zwar ohne ein Recht gehabt zu haben, für Deutschland zu optieren.

Von der Tragik des Falles Ernst, der ein trübes Licht auf die Kameradschaft wirft, die im europäischen Bündnis- und Verteidigungssystem eigentlich herrschen sollte, soll hier nicht die Rede sein. Man kann nur hoffen, daß andere französische Gerichte Ernst gegenüber endlich eine großzügigere und rechtlichere Haltung bekunden werden. Darüber hinaus aber hat der Vorgang grundsätzliche Bedeutung. Wenn der Standpunkt des Gerichtes von Nancy Allgemeingut würde, käme es dazu, daß heute in Europa Hunderttausende und Millionen als potentielle Landesverräter betrachtet werden müßten: Dann würde die Sowjetunion, um nur ein Beispiel zu nennen, von allen denen Loyalität verlangen können, die in einem Lande geboren wurden, das die Kommunisten erobert oder gleichgeschaltet haben! In Wirklichkeit kann diese Loyalität nicht gefordert werden, und es geht überhaupt nicht an, daß ein Land Personen als seine Staatsbürger reklamiert, die eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, nur um sie wegen Delikten zu verfolgen, die allein unter der Bedingung dieser ihnen aufgedrängten. Staatsbürgerschaft strafbar wären. Die französische Justiz und die französische Strafgesetzgebung haben leider nach dem zweiten Weltkrieg sehr bedenkliche Wege eingeschlagen, um Strafverfolgungen einleiten zu können. Das ist bedauerlich, nicht nur wegen der tragischen Folgen für die davon. Betroffenen, sondern-auch wegen des Druckes, den diese Verfahren auf den Geist der europäischen Zusammenarbeit üben, nicht zuletzt auch wegen des Verlustes an Ansehen, den die einst so glänzende Institution der französischen Rechtsprechung dadurch erleidet. F.