Stockholm, im Mai

Die Reifeprüfung ist in ganz Skandinavien eine Angelegenheit, die die Öffentlichkeit interessiert. Sobald die schriftlichen Prüfungen Mitte April ihren Anfang nehmen, veröffentlicht jede Zeitung die Aufgaben auf der ersten Seite, es kommen eifrige Berichte über den Gang der Prüfungen und die zahlreichen Zeitschriften ziehen Fachleute, Schriftsteller, Pädagogen, Psychologen herbei, um die Aufgaben zu diskutieren oder aus verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten. Die Aufgaben, die jedes Jahr durch eine Sonderkommission festgestellt werden, sind identisch für alle Mittelschulen des Landes. Die Gymnasiastin in Stockholm bekommt dieselben Fragen wie der Realist in Örebro oder der Schüler der Handelsschule in Göteborg.

Das größte Interesse gilt der Muttersprache und der Literatur. Man pflegt die Themen so zusammenzustellen, daß Schüler mit verschiedenen Interessen das für sie Geeignetste auswählen können. In diesem Jahr waren die Themen der schriftlichen Reifeprüfung in schwedischer Sprache und Literatur diese: 1. Ein Zeitungsartikel anläßlich der 400. Jahresfeier des Todes des großen schwedischen Reformators Olaus Petri. 2. Eine psychologische Richtung, die mich interessiert. 3. 1891 ein bedeutungsvolles Jahr in der schwedischen Literaturgeschichte. (In diesem Jahre erschien „Gösta Berling“ von Selma Lagerlöf und die Gedichtsammlungen „Gitarre und Mundharmonika“ von Fröding, und „Legenden und Lieder“ von Lewertin.) 4. Welche Forderungen kann man an einen Maturaaufsatz stellen? 5. Augustus als römischer Kaiser. 6. Die Entwicklung Japans in den letzten hundert Jahren. 7. Warum wir in der Schule Soziologie lernen. 8. Landwirtschaft und Maschinen. 9. Was ein Torfstück dem Naturforscher berichtet. 10. Die Bedeutung der Logarithmen in der Entwicklung der Wissenschaft. 11. Aufbau und Eigenschäften der Eiweiß vitamine. 12. Was macht das Leben der heutigen Jugend leichter und gleichzeitig schwieriger als das Leben der Jugend vor fünfzig Jahren.

Von den 621 in Stockholm Geprüften wählten 229 das letzte Thema, und auch in den Provinzschulen schien es am beliebtesten. Der zweite „Best-Seller“ war Japan. Die an den Naturwissenschaften Interessierten wählten im allgemeinen die Vitaminfrage. In Südschweden, in den Mittelschulen der Ackerbaudistrikte von Skandinavien erwies sich erklärlicherweise auch das Thema „Landwirtschaft und Maschinen“ als beliebt.

Die sicher viele tausend, Jahre alte Frage: „Ich möchte wohl wissen, welche Zeugnisse die Professoren erhalten würden, wenn sie jetzt die Prüfung bestehen müßten?“ wurde auch in diesem Jahr von den Schülern gestellt und – „Dagens Nyheter“, die größte Tageszeitung Skandinaviens, ließ den uralten Wunschtraum der Schüler, die Professoren noch einmal ins Examen zu schicken, in Erfüllung gehen. Die Zeitung lud fünf Pädagogen zu dieser privaten Prüfung ein: einen Unterrichtsrat, einen Mittelschuldirektor, zwei Professoren der Mittelschule und eine Lehrerin aus einer Elementarschule. Beachtenswert ist, daß die Eingeladenen der Herausforderung nicht auswichen. Am gleichen Vormittag, an dem die Schüler in allen Schulen des Landes sich an die schriftliche Prüfungsaufgabe setzten, legten die fünf Pädagogen in einem Raum des Publizistenklubs die Prüfung ab. Die Themen und die Bedingungen waren dieselben wie für die Schüler: eines von den zwölf Themen sollte ohne jedes Hilfsmittel im Laufe von fünf Stunden ausgearbeitet werden. Die Aufsätze der Pädagogen wurden ebenso wie die der wirklichen Maturakandidaten von einer Kommission beurteilt, deren Mitglieder keine Ahnung davon hatten, wer die Aufsätze geschrieben hatte. Nur zwei Erleichterungen wurden den Professor-Schülern gewährt: sie durften auch während der Prüfungsarbeit rauchen und falls sie es vorzogen, durften sie ihren Aufsatz mit Maschine schreiben.

Ganz Schweden und besonders die Schüler warteten in großer Spannung auf die Prüfungsresultate der Professoren, aber die Sensation blieb aus. Das Komitee ließ alle fünf passieren. Der Aufsatz des Unterrichtsrates erhielt sogar das Zeugnis „hervorragend“, was in den skandinavischen Schulen sehr selten vorkommt. Auch der Schuldirektor bewährte sich und erhielt die Zensur „gut“, der eine Lehrer „ziemlich gut“, der andere und die Lehrerin aber nur „befriedigend“.

Wie bei allen anderen Reifeaufsätzen motivierte das Komitee auch seine Entscheidungen in ziemlich unverblümtem Ton. Man kritisierte an dem Aufsatz mit der Zensur „gut“ den Stil, bei den beiden „befriedigenden“ aber auch die nachlässige Sprache und den Mangel an Sachkenntnissen.