Ernst stand jetzt unter der gelben, verblichenen Toreinfahrt und winkte. Bastian sah ihn vom Fenster aus. Er hatte ihn schon die Straße heraufkommen sehen. Ernst war gelaufen. Sein Gesicht war rot, verschwitzt und die Haare hingen ihm wirr in die Stirn.

Bastians Gesicht hinter der Scheibe blieb unbeweglich. Und während er scheinbar uninteressiert, gelassen starr geradeaus blickte, war er doch voller Unruhe. Es war ihm jetzt klar: Sie brauchten ihn. Ernst war gekommen, um ihn zu holen. Es ging einfach nicht ohne ihn.

Die Sonne fiel schräg auf die Fensterscheibe. Die Luft im Zimmer war heiß und stickig. Bastian öffnete das Fenster nicht. Er wartete.

Ernst strich sich die feuchten Haare aus der Stirn; er legte die Hände als Muschel vor. den Mund und rief. Der Ruf sprang gegen die Scheibe. Bastian hörte seinen Namen. Dann ging er nach unten. Er ging langsam. Er mußte seinen Triumph voll auskosten – In der Küche standen Blumen auf dem Tisch, müde, mit hängenden Köpfen. Gegen das Gazefenster schlugen Fliegen. Draußen pfiffen die Stare. Bastian war allein. Er schloß die Tür und legte den Schlüssel unter die Fußmatte. Das war das Versteck.

Sie trafen sich auf dem Hof. Der Hof war kühl, denn hier kam die Sonne nicht her; die roten Pflastersteine waren gerissen und zwischen den Ritzen wucherten Büschel kurzhalmigen Grases.

„Du mußt kommen“, sagte Ernst sofort. Sein Atem ging kurz; es gab ein pfeifendes Geräusch, wenn er tief Luft holte. Sein Gesicht war schweißnaß. Es war klar, daß er den ganzen Weg gelaufen war. „Du mußt den Wagen mitbringen. Wir haben keine Munition mehr. Wir brauchen den Wagen. Sie haben die Kasematte besetzt.“ Er zitterte vor Erregung.

Bastian blickte zur Seite. Er stieß mit dem Fuß gegen einen losen Stein. Er war verlegen. Er wußte nicht, wie er sich verhalten sollte. „Au“, sagte er plötzlich und bückte sich. Seine kleine Zehe tat ihm weh. Er hatte zu hart gegen den Stein gestoßen. Er hatte nur dünne, leinene. Turnschuhe an. Dann fühlte er sich an der Schulter gepackt und hochgerissen. Sie standen jetzt Brust an Brust. Ernst hatte aufgeworfene Lippen. Wenn sie ihn ärgern wollten, nannten sie ihn Nigg. Das war die Abkürzung für Nigger. Die Lippen waren jetzt bläulich und zitterten. „Bruno, und Dick sitzen im Horst“, sagte er, ‚wir können sie nicht befreien. Die ganze Kasematte ist besetzt.“ Bastian spürte den trockenen, heißen Atem auf seinem Gesicht. Die Erregung des anderen griff auf ihn über. Ein Gefühl des Stolzes überkam ihn. Er konnte helfen. Er bedeutete die Rettung. Und da vergaß er, daß sie ihn gestern gekränkt hatten. Er dachte auch nicht daran, daß sein Vater ihm verboten hatte, den kleinen Handwagen noch einmal für seine Spiele zu nehmen. Er lief auf den Stall zu, in dem der Wagen stand. Er schob den Riegel zurück. Das knarrte und ein bißchen Rost fiel auf die Erde. Der Stall war dunkel. In der Ecke hinter dem Draht gurrten die Tauben in der Nachmittagslitze. Ihre hellen Augen glänzten wie Glasperlen im Dunkel. Ernst und er zogen den Wagen heraus. Es war ein blauer Wagen mit eisenbeschlagenen Rädern. Sie trugen ihn über den Hof, denn es sollte kein Lärm entstehen. Sie trugen ihn auf die andere Seite der Straße, wo keine Häuser standen. Sie setzten ihn auf den harten, trockenen, gerissenen Lehmweg. Ein bißchen Staub virbelte auf. Und sie liefen, im gleichmäßigen Trab den Wagen hinter sich herziehend, die Straße herunter. Die Straße war leer. Es war eine große Hitze. Um diese Stunde waren die Männer roch nicht von der Arbeit zurück. Und die Frauen saßen in den kühlen Kuchen, die alle zum Hof hinauslagen. Die Fliederbüsche hinter der langen, rostroten Friedhofsmauer, die das Ende der Straße bildete, waren mit gelbem Staub gepudert,