Von Jan Molitor

In Unna sind soeben 54 Wohnungen in dreizehn neuerbauten Häusern von der belgischen Besatzungstruppe bezogen worden. Gleichfalls fertiggestellt wurden ähnliche Soldatenwohnungen an anderen Orten, so in Soest und Hemer.

Die Zeit schreitet schnell, so schnell, daß ich mich bald nicht mehr getrauen werde, Bemerkungen zu dem zu machen, was ein General – gleich welcher Nation – bei einer Besichtigung befiehlt. Bleiben wir also sachlich: Ein General der belgischen Besatzungstruppen in Deutschland nahm, so wird berichtet, die Inspektion der soeben fertiggestellten Offiziershäuser im westfälischen Städtchen Hemer vor. „Sehr nett“ ... „Reizend“ ... „Wirklich annehmbar“ ... da plötzlich, im Erdgeschoß, stockte er. Sah scharfblickend aus dem Fenster. War doch das Haus mit deutscher Gründlichkeit so fundamental unterkellert, daß der Blick nach draußen auf eine aussichtbehindernde Bodenwelle prallte. Der General erkannte gleich: das Erdgeschoß läge einen halben Meter zu tief, und so erfolgte sein Befehl, es seien draußen entsprechende Erdbewegungen vorzunehmen. Und zwar sofort und unverzüglich und vor dem Einzug der Soldatenfamilie ... Nichts gegen diesen General! Die Erdbewegungen wurden auch sofort in Angriff genommen. Kostenpunkt: 180 000 DM. Veuillez me pardonner, mon generali Je vous comprends bien: Soldaten müssen weitblickend sein!

Ja, und dann habe auch ich – ohne Einladung natürlich – eine Besichtigung jener dreizehn Häuser vorgenommen, die auf dem neu befestigten Weg zum Friedhof oberhalb von Unna für die belgischen Offiziere und Unteroffiziere errichtet wurden und nun, nach einem Jahr der Bauzeit, schlüsselfertig auf die Bewohner warten. Ich schritt – nicht etwa, daß ich ging – ich schritt, ich wanderte durch die Wohnung eines Unteroffiziers: ein Wohnzimmer, daneben (ohne Wand getrennt, doch durch einen Winkel der Mauer gekennzeichnet) ein Eßzimmer. Und dann vier Schlafzimmer. Vier! Nichts gegen den Herrn Unteroffizier! Bin ich doch auch hier auf eine ehrwürdige belgische Familiensitte gestoßen, die ich schon kannte: In Belgien – anders als in Amerika, England, Deutschland – gehören nicht nur ein Mann und ein Weib (erstes Schlafzimmer), nicht nur die Kinder (zweites Schlafzimmer) zur Familie, sondern es gehören beide Schwiegerelternpaare noch dazu (drittes und viertes Schlafzimmer). Daher ist es wohl verfehlt, daß die 680 deutschen Wohnungsuchenden in Unna und die 70 Menschen unter ihnen, die unter gottserbärmlichen Umständen hausen, an den Unteroffizierswohnungen Anstoß nehmen. Erstens: Nicht die Stadt Unna hat diese Häuser erbaut, sondern die Finanzierung erfolgte durch das Wiederaufbauministerium und das Finanzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen aus Mitteln des Bundes. Zweitens Man muß das Familienleben in Ehren halten, auch das belgische. Würde der Herr Unteroffizier etwa vier Schlafzimmer brauchen, gäbe es die Schwiegereltern nicht? Na, bitte! „Na, bitte“, sagte ich und besichtigte weiter: Der „Typ 1“ ist die kleinste Wohnungseinheit. „Nur“ 90 Quadratmeter groß, während doch im Rahmen des sozialen deutschen Wohnungsbaues „schon“ 50 Quadratmeter angemessen sind. Einem Stabsfeldwebel aber steht „Typ 4“ zu: 130 Quadratmeter. Er könnte gut vier Schwiegerelternpaare unterbringen, hätte er sie nur. Und gar ein Offizier! Ich wandelte, nein: irrte durch die Wohnung, die einem Stabsoffizier bestimmt ist: Neun Zimmer! Mehr als 200 Quadratmeter! Salon, Eßzimmer, Arbeitszimmer (ich bitte zu beachten, daß das Wort „Arbeitszimmer“ nicht in Anführungszeichen steht), Schlafzimmer, Ankleidezimmer (nur eins! Warum nicht ein Extra-Ankleidezimmer fürs Ankleiden der Extra-Uniform?), wieder ein Schlafzimmer, ein Fremdenzimmer, ein weiteres Schlafzimmer, noch ein Schlafzimmer. Natürlich hat jede der 54 Soldatenwohnungen von Unna Bad und Küche mit Eisschrank, auch Balkon mit Blumenkästen und natürlich eine Sprechanlage von Zimmer zu Zimmer und zur Haustür. Es gibt allenthalben fest eingebaute Schränke – und wie sehr dies von Vorteil ist, falls die Truppe einmal verlegt werden sollte, ist leicht zu ermessen. Hat man in Unna doch auch auf einem anderen Platz in Augenschein nehmen können, daß die flämischen Soldaten, die abzogen, nicht gesonnen waren, ihren wallonischen Landsleuten, die einzogen, viel von dem dazulassen, was sie zum eigenen Gebrauch aufgebaut hatten. Was aber die neuen Häuser betrifft –: sie sind so vollkommen gebaut, daß nicht einmal die schalldämpfende Schicht unter den Fußböden fehlt. Für die Vollkommenheit des Baues zeichnen die Essener Achitekten Kampe und Klotzbach. Für die sinnreiche Einrichtung in einer bestimmten, offenbar einem Prominenten zugedachten Wohnung, daß nämlich im Flur, gegenüber der Küche, eine schmale Anrichte mit einer Marmorplatte angebracht wurde, zeichnet ein unbekannter technischer Offizier des belgischen Stabes verantwortlich. Im übrigen äußerten die Belgier keine Sonderwünsche; es sei denn daß die Flurboden, statt mit Linoleum, mit „Floorbest“ belegt wurden; das ist eine Art von Teerharz; kleine Platten (30X30 Zentimeter breit und fünf Millimeter stark) werden aneinandergesetzt und auf den Unterfußboden angeleimt; nun muß man tüchtig heizen – schon klebt „Floorbest“. Sieht reizend aus, besonders bei „geflammtem“ Muster und ist nur (Heizkosten eingerechnet) viermal so teuer als Linoleumbelag.

Und da wir gerade bei der ästhetischen Seite der pro-belgischen Unna-Soldaten-Architektur sind ... Selbstverständlich sind die 13 Häuser möbliert worden, recht anständig sogar (bis auf die 13 Hausmeisterwohnungen, deren Inhaber deutsche Angestellte sind und also selber Möbel mitbringen müssen), aber eines läßt sich nicht leugnen: die Qualität der Möbel ist nicht die gleiche wie die der Häuser. Die Polstersessel sind bequem, doch es sind dieselben für Offiziere wie für Unteroffiziere. Stört das nicht die Disziplin? Und was noch mehr zu bedenken ist –: Die großen Salons schreien geradezu nach Perserteppichen, die großen Speisezimmer brüllen nach Büfetts, die wuchtig und schwer sein müßten wie Denkmäler. Der Ästhet, der demnach nicht bedauerte, daß statt dessen moderne, leichte Anrichten vorhanden sind, verstünde nichts vom Gesetz des l’art pour l’art ...

Doch halt! Noch eine Beobachtung –: Wie hinterlistig doch die Deutschen sind! Es kann nicht anders sein, daß sie heimlich den Gedanken an irgendeine Zukunft spinnen in der – ach, ihr Optimisten! – Deutsche in diesen Häusern wohnen könnten. Haben sie doch heimlich für diesen Fall schon alle Vorkehrungen getroffen (sogar mit der Anlage von Leitungen, die heute ins Leere münden), daß die Wohnungen gleichsam mit ein paar Handgriffen unterteilt werden können, dergestalt, daß aus der Neun-Zimmer-Wohnung also gleich drei Drei-Zimmer-Wohnungen werden könnten ... Diese typisch deutsche Heimlichkeit, sie war nicht leicht zu eruieren, nicht einmal mit den -Methoden, welche die belgische Abnahme-Kommission anwandte, die, um festzustellen, daß die untere Kante der Türen ordnungsgemäß lackiert sei, sich mit einem Spiegel am Stiel bewaffnet hatte. Als ich aber den heimlichen Bautrick ‚Aus eins mach drei‘ einmal heraus hatte, verlor ich zum ersten Male die Fassung. „Ja, warum teilt ihr Werkleute vom Bau nicht gleich die Wohnungen so ein?“ – „Geht nicht! Dem Offizier – ob er will oder nicht – stehen die neun Zimmer und die Polstermöbel zu.“ – „Wie? Wollen etwa manche nicht?“ – „Nee, einer hat“, so lautete die Antwort, „schon wörtlich gesagt: „Serr schöne Etasch. Aber ... was ich machen mit die viele Zimmer?“ Der Kostenvoranschlag für die 13 Häuser betrug zwei Millionen DM. – Für je eine Offizierswohnung waren die Kosten von 75 000 DM vorgesehen, in praxi aber hat jede Offizierswohnung 90 000 DM verschlungen. Und zum Vergleich noch dies: Während für einen abgehärteten belgischen Unteroffizier eine Wohnung im „Gestellungspreis“ für 46 000 DM erbaut wurde, entstanden im gleichen Unna Bürgerhäuser nach den Maßstäben des sozialen Wohnungsbaues: Da kostete das ganze Haus, das vier Wohnungen enthält, 50 000 DM. Ist hier der Unterschied zwischen unseren alliierten Verbündeten und uns Deutschen oder etwa zwischen Soldaten und Zivilisten ausgedrückt? Wie die Antwort auch ausfallen mag – sie ist geeignet, mich unglücklich zu machen. So verließ ich Unna und fuhr nach Düsseldorf, um bei dem Landesministerium Auskunft zu erfragen. Sie lautete: Es ist alles viel besser geworden als je zuvor. Die Engländer beispielsweise beschlagnahmen – seit einem halben Jahr schon – Wohnungen nur, nachdem sie sich ausdrücklich des deutschen Einverständnisses versichert haben. Auch ist’s nicht gut, wenn wir Deutsche stets nur kritisieren. Proteste aus Münster und Umgebung, auch von kirchlicher Seite, haben es beispielsweise verhindert, daß in der Umgebung dieser westfälischen Stadt ein einstiger Flugplatz wieder in Betrieb genommen wurde. So kam es soweit, daß die Europaarmee – obwohl noch gar nicht vorhanden – einen anderen Flugplatz auf linksrheinischem Gebiet, zufällig in einer Landschaft allerbesten Bauernbodens, verlangt.

Auch hörte ich – das war allerdings in Bonn –, daß aus dem Verteidigungstopf, in den die Bundesrepublik zehn Milliarden DM einzahlt, für die Ausrüstung der deutschen Armee nur so viel verwendet werden könne, wie die anderen übrigließen. Daher werde die Wohnung eines „künftigen deutschen ’Generals weniger als 20 000 DM kosten, so daß ein belgischer Unteroffizier in seiner Wohnung, hätte er die Schwiegereltern nicht, glatt drei deutsche Generäle unterbringen könnte. Ob trotz dieser deutschen Sparsamkeit noch etwas für Kanonen und Gewehre übrigbleibt – das vermögen in Bonn nur die allerwenigsten zu beantworten ...