Die deutsche Frau mit französischen Augen gesehen

Der Wunsch nach einer entscheidenden Reform des Ehe- und Familienrechts zusammen mit der deutschen Gründlichkeit macht die Interpretation des Begriffes der Gleichberechtigung von Mann und Frau zu einer delikaten Affäre“, schreibt die Französin Anne-Elizabeth Prélot in der Pariser Zeitung Le Monde und fährt dann fort: „Unsere deutschen Nachbarn werden, wie man weiß, von ihrem Temperament angereizt, jede Theorie bis zu ihrer äußersten Konsequenz zu treiben. Das französische Recht proklamiert die Gleichberechtigung, sagt aber sogleich: ‚Der Ehemann ist der Chef der Familie ... Er bestimmt den gemeinsamen Wohnsitz.‘ In vielen Diskussionen, an denen ich im Namen unserer Union feminine civique et sociale in Deutschland teilgenommen habe, erschien dieser Widerspruch im Prinzip der deutschen Strenge unlogisch, wenn man auch darin übereinstimmte, daß sich die Ehe nicht in Formeln pressen läßt ...“

Man merkt die ebenso sanfte wie wohlwollende Kritik, die aus den Worten der Französin spricht; man spürt, wie sie den Ernst und die Kampfbereitschaft belächelt, mit der die Frage der Gleichberechtigung der Frau in Deutschland im Hinblick der bevorstehenden Reform diskutiert wird. Man merkt aus ihrem Artikel aber auch, daß dieses Problem der Eherechtsreform auch jenseits der deutschen Grenzen Aufmerksamkeit erregt. Madame Prélot macht darüber hinaus den Versuch, das Eheproblem aus der jüngsten politischen und sozialen Entwicklung in Deutschland zu erklären, und so erfahren wir aus ihrem Bericht, was eine gescheite Französin über die deutsche Frau von heute denkt, genauer: über die gesellschaftliche Stellung der deutschen Frau und ihren Einfluß auf Politik und Staat.

Madame Prélot meint, daß die Frau in Deutschland noch immer abseits der Politik stünde. Sie habe zwar das Wahlrecht 25 Jahre früher erhalten als die Französin, aber sie sei „artig“ geblieben, „allzu artig“, noch immer überließe sie die politischen, ja, alle Entscheidungen, die nicht zum Haushalt gehören, ihrem Manne.

Im Dritten Reich habe der „Führer“, so sagt Madame Prélot, den Horizont der Frau auf drei Programmpunkte beschränkt: Bevölkerungszunahme, Partei und Fabrik. Niemals ist die deutsche Frau mehr außer Hause gewesen als damals; sie ging zur Arbeit, zu Versammlungen. Manche Frauen fanden diesen Zwang unerträglich, andere empfanden diese Macht mit Freuden. Seit dem Zusammenbruch haben sich unzählige Frauen, besonders in den kleinen Städten, in ihr Heim zurückgezogen. Ihr Motto: „Niemals mehr gehe ich in eine Partei oder in irgendeine Organisation!“ Madame Prélot meint, damit könne das Thema erledigt sein, wenn sich nicht zwei neue Tatsachen gezeigt hätten. Die eine: daß die Frauen wieder Ausschau nach einer neuen Orientierung halten, die andere: der Plan der Bundesregierung, das Ehe- und Familienrecht zu ändern.

Heute stünden die deutschen Frauen gewissermaßen an ihren Türen und wüßten noch nicht recht, welchen Weg sie einschlagen sollen. Die deutschen Frauen – hier stockt Madame Prélot und fragt, welche Beziehung überhaupt bestünde zwischen einer Flüchtlingsfrau aus dem Osten, die nicht nur ihr Eigentum, sondern auch alle Illusionen verloren hat, und eine: westdeutschen Bürgersfrau, die ihr wohleingerichtetes, komfortables Heim nie zu verlassen brauchte? Madame Prélot erkennt: Zwischen der Frau, die alles verloren, und der, die alles behalten hat, besteht ein vollkommener Gegensatz. Dabei steht der Strom der Enteigneten immer noch nicht still. Wenn keine Deutschen mehr von jenseits der Oder-Neiße-Linie kommen, so gibt es doch diejenigen, die vor der Volksdemokratie des Herrn Pieck fliehen. Gegen diese langsame Wanderung von Ost nach West haben die Alt-Westdeutsche und die Alt-Flüchtlingsfrau, so bescheiden diese sich auch wieder eingerichtet haben mag, ein gemeinsames Interesse zu verteidigen, das Zuhause. Der Heilige Martin wurde heilig gesprochen, weil er seinen Mantel in zwei Stücke teilte. In wieviel Stücke – so fragt die französische Autorin – sollte Westdeutschland den seinen teilen, um wenigstens gerecht zu sein gegenüber allen diesen neuen Armen?

Drei Generationen