Von Stefan Roth

Es ist sehr still geworden um den Dichter August Strindberg in den letzten zwanzig Jahren, und diese Stille ist mehr als ein bloßer natürlicher Rückschlag nach der mächtigen Konjunkturwelle, die den großen Schweden lange Zeit – und nicht am wenigsten in Deutschland – zu einer ausgesprochenen Modeerscheinung erhoben (oder erniedrigt) hatte. In schöngeistigen Salons wie in Arbeitervereinen, in literarischen Konventikeln wie in karitativen Verbänden, in religiösen Kreisen wie in philosophischen Zirkeln war „Strindberg“ ein unerschöpfliches Diskussionsthema; und auf den Bühnen schien er beinahe zum Klassiker aufzusteigen.

Das alles ist vorbei. Obwohl weder die expressionistische, noch die surrealistische Dichtung unserer Tage ohne ihn denkbar wäre, obwohl es seither keine allerneueste Lösung moderner Inszenierungsprobleme gegeben hat, die er nicht schon irgendwie vorweggenommen hätte, ist er aus den Theatern nahezu verschwunden. Seine Bücher sind den jüngsten Generationen fast unbekannt. Er gilt als „überwunden“. Ist er es wirklich?

Strindberg war nicht nur einfach ein Dichter, noch weniger ein Literat. Er war vor allem eine ungeheuerliche menschliche Erscheinung, die allen Zwiespalt, alle Widersprüchlichkeit des Menschseins aufs tiefste durchlebte und durchlitt. Atheisten und Christen, Materialisten und Theosophen, Naturforscher und Alchimisten, Realisten und Magier, Aristokraten und Sozialisten, Weiberfeinde und Frauenverehrer, Menschenverächter und Menschenfreunde können sich auf ihn berufen. An seiner Beerdigung nahmen Staatsräte, Reichstagsabgeordnete, Studenten und Arbeiterdelegationen mit roten Fahnen teil. Es konnte aussahen wie eine lebendige Illustration seines letzten, im Sterben geflüsterten Wortes: „Alles ist versöhnt ...“

Aber es war nichts versöhnt; nur in die eigene Brust des schon die Schwelle Überschreitenden war der Friede endlich eingezogen. Doch auch dies hatte Bedeutung.

Forscht man einmal nach den Gründen seiner heutigen Verschollenheit, so hört man immer wieder das gleiche Argument: er habe nichts als private Komplexe, subjektive Nöte und Verwirrungen, überlebte Eheprobleme und eigene Neurosen, das alles obendrein in verzerrender Übertreibung dargestellt. Was könne das noch Menschen sagen, die ganz andere Katastrophen durchlebt hätten, die vor äußerste Existenzfragen gestellt seien und noch auf unabsehbare Zeit hinaus unter täglicher Bedrohung zitterten?

Hier liegt der Angelpunkt des Verstehens oder Mißverstehens. Im Zeitalter der totalen Angst hält man die Ängste Strindbergs für Bagatellangelegenheiten. Man sieht nicht (oder will nicht sehen), daß alle, jene Strindbergschen Ängste die Keimzellen der heutigen allgemeinen Lebensangst betreffen, daß aus den Einzelzuständen, die ihn bedrängten, hetzten, marterten, der Gesamtzustand als logische Folge hervorging, aus dem man heute keinen Ausweg findet. Und man weiß nicht (oder will nicht wissen), daß ein Ausweg, der einzige, den es geben kann, heute wie damals nur in der Selbstprüfung und Selbstreinigung des einzelnen liegen kann.