Am kommenden Wochenende treffen sich in Düsseldorf die deutschen und brasilianischen Tennisspieler in der zweiten Runde des Davis-Pokals.

Jede Familie zählte einst zu ihrer Wohnungseinrichtung ein mehr oder minder wertvolles Ungetüm von Kunstgegenstand, mit dem niemand so recht etwas anzufangen wußte. Am liebsten hätte man es weitergegeben, wenn nur die Angst vor dem Stifter nicht gewesen wäre. Mit dem ersten Blick, den er bei einem Besuch in die Wohnung seiner Freunde warf, suchte er seine Gabe und freute sich. Bis er dann eines Tages von hinnen gegangen war und einer Trennung von der kalten Pracht nichts mehr im Wege stand.

Vor 52 Jahren erging es ähnlich so dem jungen amerikanischen Studenten Dwight F. Davis, der in seinem späteren Leben einer der bekanntesten Politiker und sogar Kriegsminister seines Vaterlandes werden sollte. Er hatte sein Augenmerk auf einen wirklich abscheulichen Silberpokal auf der Vitrine seiner Mama geworfen. Wie konnte man sie bloß von diesem lästigen Monstrum befreien? Da hatte er eines Tages eine grandiose Idee: Wie wäre es, wenn man den Pokal für einen sportlichen Wettkampf stiftete? Eine kurze Rücksprache mit seinen Kameraden, und schnell war man sich einig: der glitzernde Metallbecher muß Trophäe für einen Tenniskampf werden, der die ganze Welt in Aufregung versetzen soll! Und so stiftete der junge Davis den Davis-Pokal, der dann tatsächlich mit den Jahren die Tennis-Trophäe schlechthin werden sollte.

Diese Geschichte ist wechselvoll und reich an Überraschungen. Als die Spieler sich zum ersten Male in Boston trafen, war auch der Stifter selbst mit von der Partie und gewann mit einem Clubfreunde das Doppel. Später war er nur noch ein interessierter Zuschauer, der sich freute, als der Internationale-Lawn-Tennis Verband sich entschloß, die Spiele um den Davis-Pokal als offizielle Weltmeisterschaftskämpfe für Ländermannschaften anzuerkennen. Zunächst gewannen stets die Amerikaner. Als aber im Jahre 1903 die Engländer die Gebrüder Doherty vorschickten, wandte sich das Blatt und der Pokal wurde zum ersten Male nach Europa entführt. Abwechselnd wanderte er nun zwischen Amerika und England hin und her, und gelegentlich ging er auch mal nach Australien, dessen Tennisgrößen sich immer mehr in den Vordergrund schoben. Nicht umsonst besaß Australien einen so hervorragenden, man kann fast schon sagen: einmaligen Spieler wie den „Zauberer“ Brookes.

Nach dem ersten Weltkriege aber traten plötzlich die Franzosen mit ihren vier Musketieren Cochet, Lacoste, Borota und Brugnon auf den Plan und spielten alles „in Grund und Boden“, was sich ihnen entgegenstellte. Fünf Jahre hindurch verblieb der Davis-Pokal im Besitze der Franzosen. Den Anfang hatte der Sieg Cochets über den Amerikaner Tilden gemacht, eine Sensation ohnegleichen. Aber noch ein Kampf muß erwähnt werden, der an Dramatik dem Treffen Cochet-Tilden is nichts nachstand: das war – es sind zwölf Jahre seitdem – die Begegnung Gottfried v. Gramms mit Don Budge. Der Kampf wurde zwar im fünften Satz zu Gunsten des Amerikaners entschieden, aber der deutsche Meister hatte mit 4:1 geführt und später den entscheidenden Matchball viermal abzuwehren vermocht, bis dann seine Nerven versagten oder die Kraft ihn verließ. Mit 8 : 6 siegte der Amerikaner und der Davis-Pokal, schon so greifbar nahe für Deutschland, konnte nicht erobert werden.

Nun haben die Pokalkämpfe dieses Jahres wieder eingesetzt und Deutschland, das schon 1932, 1935 bis 1937 und 1951 im Interzonen-Finale stand, trifft am Wochenende in Düsseldorf auf Brasilien. Von Gramm ist verletzt – gleichwertigen Nachwuchs aber gibt es nicht. Niemand ist da, der ihn oder die im Kriege gebliebenen Mitstreiter aus so mancher Tennisschlacht – Henner Henkel, Gies, v. Metaxa oder Bavarowski – vertreten könnte, denn der Krieg hat uns ja nicht nur diese großen Spieler genommen – er war auch für den Nachwuchs eine jähe Unterbrechung.

Das Tennisspiel ist eine schwierige Angelegenheit, ein Kombinationsspiel des Körpers, der Sinne und der Gedanken. Wie Weltmeister Tilden sagt, sind ungefähr 85 Prozent aller Schläge im Tennisspiel Fehlschläge, nur 15 Prozent gültige bleiben übrig; ja, Tilden meinte, daß ein Spiel, bei dem 40 Prozent aller Schläge gut und nur noch 60 Prozent Fehlschläge seinen, als ganz erstklassig zu bezeichnen sei. Aber es ist nicht nur die Schwierigkeit dieses Spiels – ein weiterer Grund dafür, daß uns Deutschen ein international kampfkräftiger Nachwuchs fehlt, liegt in unserer jahrelangen Abgeschlossenheit vom Auslande. Dadurch, daß wir auf fremden Turnierplätzen nicht zugelassen waren, gab es für unsere jungen Spieler nur immer Vorbilder. Deutschlands bislang immer noch unerreichter Meister Otto Froitzheim – zweimal stand er in der Schlußrunde von Wimbledon, 1914 verlor er gegen Brookes nur durch eine Fehlentscheidung eines Linienrichters, wie es die offizielle Jubiläumsschrift des All England Tennis Clubs selbst eingesteht, schlug dann Wilding, Ritchie und die anderen Größen seiner Zeit, gewann die Silbermedaille der Olympischen Spiele 1912 und stand, als der erste Weltkrieg begann, an der vierten Stelle der Weltrangliste, welcher deutsche Spieler könnte einen besseren Rekord aufweisen? – Froitzheim also ist der Ansicht, daß unserem Tennis-Nachwuchs die Härte des Willens fehle, und er führt dies darauf zurück, daß heute du Sportler allzu verwöhnt würden. Sprechen wir nicht von der Umgebung des „Stars“ mit ihren Betreuern, Managern, Masseuren, Trainern, von den Reisen im Flugzeug oder Schlafwagen und der guten Bezahlung auf allen Turnieren! Auch denjenigen, die noch nicht Stars sind, wird heute alles zu leicht gemacht. Sie vergessen über diesen Annehmlichkeiten das eigentliche Ziel des Sports. Deshalb sollte die Jugend von heute vielleicht, ehe sie Tennis spielt, Mannschaftssport treiben. Der erzieht and stärkt den Charakter.

Doch Tennisgrößen kann man überhaupt wohl nicht heranbilden, sie werden geboren, und das auch nur sehr selten. Ihr Spiel muß aus der Eigenart des Körpers und des Geistes herauswachsen, muß sich vor allem den eigenen körperlichen Fähigkeiten anpassen. Angelerntes Fremdes wird niemals eine solide Grund lage zum Kampf geben.