Bei den V. internationalen Filmfestspielen in Cannes wurde der Große Preis des Festivals zu gleichen Teilen an den italienischen Film „Zwei Groschen Hoffnung“ (Regie Renato Castellani) und den marokkanischen Streifen „Othello“ (Regie und Hauptrolle Orson Welles) verteilt. Den Preis für den dramatischsten Musikfilm erhielt der amerikanische Opernfilm „Das Medium“ von Gian-Carlo Menotti. Als bester Regisseur wurde der Franzose Christian Jaque für seinen Film „Fanfan la Tulipe“ ausgezeichnet. Den Preis für das beste Drehbuch bekam der Italiener Pierro Tellini für das Manuskript zu dem Film „Gendarmen und Diebe“. Als beste Schauspielerin nannte die Jury die Amerikanerin Lee Grant, die eine Warenhausdiebin in dem amerikanischen Streifen „Detektivgeschichten“ darstellt. Der beste Schauspieler ist der Amerikaner Marlon Brando, der die Hauptrolle in dem Film „Viva Zapata“ spielt. Die beiden deutschen Filme „Das letzte Rezept“ und „Die Stimme des anderen“ konnten keine Erfolge erringen.

Cannes, im Mai

Als am vorletzten Abend der diesjährigen Film-Festspiele von Cannes auch André Cayettes „Wir sind allesamt Mörder“, der mit ebensoviel Spannung wie Hoffnung erwartete Film um das Problem der Todesstrafe, unter höflichem Achtungsapplaus zu Ende ging, schien das Urteil über dies Festival endgültig gesprochen. Aber wenn auch kein neuer Stern am Filmhimmel aufging, wenn es auch nicht einmal einen Film gab, dessen Eindruck so stark war, daß sein Name für dauernd mit diesem Festival verbunden sein wird, und wenn es dieses Jahr gerade die „großen“ Namen waren, die so viele Enttäuschungen brachten, so bestätigte das alles nur die bereits auf einer Reihe internationaler Wettbewerbe gewonnene Erkenntnis, daß der Film an sich heute überall in der Welt in einer Krise steht, daß auch der „neue Realismus“ sich in einem Klischee festzulaufen beginnt, und daß erst ganz langsam, vielfach ganz am Rande und bezeichnenderweise dann gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet hat, neue Möglichkeiten sichtbar werden.

Ein einziges wirkliches Experiment hat es in diesen siebzehn Tagen gegeben: die Filmoper „Das Medium“, die ihr Komponist Gian-Carlo Menotti auch selbst inszenierte. Eine oft allzusehr auf den Effekt zugeschnittene Schauergeschichte um eine Jahrmarkts-Hellseherin, die in ihren Einzelheiten mitunter an die Ausdrucksmittel des deutschen Stummfilm-Expressionismus anknüpft, die aber in dem Zusammenklang von Bild, Musik und Bewegung, in der Malerei des Milieus und der Charaktere, beides wirklich ganz aus dem Geist dieser Musik durchgeführt, und in der auch schauspielerisch vorzüglichen Leistung der Sänger überzeugte. Das war keine verfilmte Oper mehr, das hätte überhaupt nichts mehr von Theater, sondern hier war wirklich der Versuch einer echten Filmoper gelungen, von der man kaum glauben möchte, daß sie nicht ursprünglich schon für diesen Film gedacht war.

Die beiden anderen amerikanischen Filme waren nichts als handwerklich, saubere Arbeit: „Detective Story“ von William Wyler (nach Sidney Kingsleys auch in Deutschland gespieltem Theaterstück „Polizeirevier 21“). und „Viva Zapata!“ von Elia Kazan (auf ein Drehbuch von John Steinbeck). Beide hatten gute Ansätze und manch vorzügliche Einzelheit, aber beide erstickten zuletzt in dem hausbackenen Moralisieren und der überbetonten Tendenz. Auch dies schien symptomatisch für Cannes 1952 zu sein, und der bekannte Drehbuchautor Henri Jeanson sprach in einer vielbeachteten französischen Wochenzeitung von diesem Festival als von einem „Karneval der Zensur“. Denn daß Jacques Beckers „Casque d’or“ nicht innerhalb der französischen Auswahl lief und nur in einem kleinen örtlichen Kino, soll – nach Jeanson – die Zensur aus Gründen der Moral verordnet haben.

Überhaupt ist eine Reihe der besten Filme nur außer Konkurrenz zu sehen gewesen. Auch Deutschlands „Nachts auf den Straßen“, das nach der wohl einhelligen Meinung der ausländischen Kritik als der beste Film hier anzusehen war. Japan hatte seinen zumindest vom Thema her interessanten Problemfilm um die Frage der Kriegsverbrecher „Eine Mutter im Sturm“ zurückgezogen und zeigte ihn nur am letzten Tag einmal intern der Presse. Und auch Julien Duviviers „Don Camillo“, nach dem zeitpolitischen Schelmenroman von Guareschi, kam nicht in den Wettbewerb hinein, obwohl (oder: weil?) er in seiner Fülle filmischer Einfälle, seiner menschlich-versöhnlichen Haltung und seiner hinreißenden schauspielerischen Leistung mit Fernandel und Gino Cervi gewiß einer der erfolgreichsten Bewerber um den Großen Preis gewesen wäre.

Frankreich zeigte zwei Erstlingsarbeiten junger Regisseure, die viel versprachen, ohne aber zu einem endgültigen Urteil berechtigen zu können: André Michel hatte drei Novellen Maupassants unter dem Titel „Trois femmes“ zusammengefaßt und darin manch schöne impressionistische Stimmungsmalerei gegeben. Der Filmpublizist Alexandre Astruc hatte die Novelle „Der karmesinrote Vorhang“ von Barbey d’Aurevilly auf die Leinwand übertragen, und zumindest die Kamera von Eugen Schüfftan dichtete das ganz aus dem Geist des Werkes in einer echt filmischen Weise nach.