In Hannover wird, wie vorher in Berlin, eine „Gruppe von Lappländern mit Zubehör“ (so lautete eine Ankündigung) gezeigt. Auch erblickte man schon ein Photo, auf dem zu sehen war, wie Lappen – sonst längst ein reichlich zivilisiertes Volk – über den Anblick eines – Autos staunten. Eine Völkerschau! Das weckt Erinnerungen ....

Zu den farbigsten Erinnerungen der um die Jahrhundertwende Geborenen zählt die Völkerschau. Sie war auf jedem besseren Jahrmarkt, auf den großen Rummelplätzen, auf dem Hamburger Dom und der Münchener Oktoberwiese zu sehen. Vor allem aber bei Hagenbeck. Wer dieses einzigartige Schaufenster der Exotik zu seinen Glanzzeiten gekannt hat, der weiß noch, wie es dort zuging. Alle Stunde konnte man erleben, wie eine Kavalkade auf Vollblütern dahersprengender arabischer Sklavenhändler mit wildem Geschrei und Musketenschüssen auf die strohgedeckten Rundhütten eines „Originalnegerdorfes“ einsprengte, die Behausungen in Brand steckte und die Insassen mit lautem Gejohle von dannen schleppte. Unsere kindlichen Sympathien waren keineswegs mit den schwarzen Opfern. Sie gehörten eindeutig den Räubern, die uns die Lektüre von Karl May in vielen Nächten nahegebracht hatte. Dabei wußten wir nicht einmal, daß die Neger, deren Vergewaltigung hier zur Schau gestellt wurde, mit von der Partie waren, daß sie fette Tagegelder bezogen, die es ihnen gestatteten, dem ständigen Abbrennen ihrer neben dem Elefantenfreigehege aufgebauten Krals mit Gleichmut zuzusehen. Wir ahnten nicht, daß es ihr schönster Traum war, aus dem schwarzen Erdteil von Hagenbeck geholt und auf einer Völkerschau gezeigt zu werden. Ein paar Jahre Völkerschau, und der hierfür ausgewählte Schwarze war ein gemachter Mann. Er konnte mit hübschen Ersparnissen nach Hause zurückkehren und seinen Kindern und Enkeln Märchen von den Hagenbeckschen Sklavenhändlern erzählen, die für ihren Job ebenso solide entlohnt wurden und mit ihren Vorbildern wenig gemein hatten, –

Die Völkerschau war ein Kind des kolonialen Zeitalters, Das ausgehende 19. Jahrhundert erlebte in ihr eine „Aufklärung“ auf seine Art. Der großartige Spruch von den Wilden, die auch Menschen sind, begeisterte alle Humanisten. Einer meiner Enkel, mit Vornamen Emil, mit vollem Namen. „Kräusel, genannt Kreisel,Rittergutsbesitzer und Dr. phil.“ – so stand auf seiner uns immer wieder entzückenden Visitenkarte – zog damals nach Afrika. Er rüstete eine Expedition aus, um Wilde für die Kolonialausstellung in Charlottenburg zu fangen, und er tat-dies mit der ganzen Gewissenhaftigkeit und Bombastik jener Tage.

Zu seinem Gepäck gehörte ein Faß, in dem Onkel Emil eine balsamartige Masse mitführte. Für den Fall, daß ihn mitten im Urwald der Forschertod ereilte, sollte seine Leiche einbalsamiert, in die Heimat überführt und im „Erbbegräbnis“ der Familie Kräusel, genannt Kreisel, beigesetzt werden. Dazu kam es zum Glück nicht. Nach anderthalb Jahren kehrte Emil wie ein römischer Statthalter in Kleinasien mit reicher Beute zurück. Er brachte Tonkrüge für ein Dutzend Museen, eine Schiffsladung voll Häuptlingsschmuck und drei Dutzend lebendige Schwarze. Mit ihnen zog er von Ort zu Ort, ließ sich in Posen und in Chemnitz, in Gera und Apenrade als „Kolonialpionier“ feiern und wurde im Lokalteil der Berliner Presse genannt, als man anläßlich der Kolonialausstellung der „malerischen Neger Dr. Kräuseis“ gebührend Erwähnung tat.

Die Folgen waren nichtsdestoweniger betrübend. Die Kosten verschlangen Onkel Emils nicht unbeträchtliches Erbe. Von den Wilden starben die meisten, den Unbilden des Klimas so wenig gewachsen wie den Wogen kolonialer Begeisterung. Einige wenige überführte „Rittergutsbesitzer“ Emil auf seine märkische Klitsche. Dort halfen sie beim Heuen, führten weniger^ das Leben von Sklaven als von Faulpelzen, bis die Tuberkulose auch sie dahinraffte. Um die Erinnerung an sie zu pflegen, ließ Emil einige Räume des schlichten Landhauses mit Fresken ausmalen, die seine afrikanischen Erlebnisse darstellten. Staunend betrachteten wir Kinder den Onkel, wie er sich auf einer schmalen, von Nubiern bemannten Galeere den Niger herunter und den Kongo herauf rudern ließ, umgeben von Schlingpflanzen, Krokodilen und Kolibris. Onkel Emil als einziger sitzend im Boote, ein zweiter Nachtigall, Emil Pascha und Wißmann, den gleichen Tropenhelm auf dem Kopf und den Blick ernst in die koloniale Ferne gerichtet. Von der Höhe der Stiege, die zu diesen Wundergemächern führte, aber lehnte, von einem „Künstler“ „naturgetreu“ aus Wachs gebildet, die Gestalt einer Negerin, über das Geländer gebeugt, als spähe sie der Heimkunft Onkel Emils entgegen. Kein Panoptikum hat uns seitdem mehr imponiert.

Nun ist sie wieder da, die Völkerschau. Die Tagespresse veröffentlichte ein Photo mit der vielsagenden Unterschrift: „Im Berliner Zoo ist eine Gruppe von 22 Lappländern mit allem Zubehör eingetroffen. Sie wollen den Berlinern ihre Art des Lebens zeigen. Anschließend reisen sie in weitere Städte der Bundesrepublik.“ – Über die Art des Zubehörs läßt das Bild keinen Zweifel: ein Zelt aus Renntierhäuten, gebleichte Renntiergeweihe, Kochtöpfe und Lebensmittelbehälter von polaren Formen. All dies haben die Lappen, wie einst die arabischen Sklavenhändler von Hagenbeck, in einem „Freigehege“ aufgebaut. Im Herzen der ruinenbesäten lärmenden Vierzonenstadt ein Stück lappländischer Lebensart. Gäbe es das Dritte Reich noch, die Berliner Presse würde seitenlang in nordischem Brauchtum schwelgen.

Wer diese Lappländer beschafft hat, wird nicht gemeldet. Möglicherweise sind es die gleichen, die im Auftrage von Thos. Cook & Son’s aus einem Felsschatten des Nordkaps hervorzutreten pflegten, wenn die erschöpften Insassen von Vergnügungsdampfern den steilen Fußpfad der in jedem Nordlandsfahrtenprogramm eingeschlossenen landschaftlich reizlosen, aber geographisch wichtigen Anhöhe erklommen hatten. Diese Lappen, die zu Thos. Cook im gleichen Verhältnis standen wie der König der Wüste zu dem Hollywooder Filmmagnaten Samuel Goldwyn Meyer, lebten nicht nur von ihrem malerischen Effekt. Sie boten Postkarten feil und Portemonnaies aus Seehundsfell und Nagelreiniger aus Renntierhorn. Wer ihnen nichts von alledem abkaufen wollte, ließ sich doch wenigstens mit ihnen photographieren, als gebe es keinen untrüglicheren Beweis für den Aufenthalt am „nördlichsten Punkt der Erde“.