Von Martin Rabe

Die Kunstausstellung „Eisen und Stahl“, veranstaltet von der Eisen- und Stahlindustrie gemeinsam mit der Stadt Düsseldorf, enthält 545 Gemälde und Plastiken der Gegenwart, 330 historische Beispiele von Kunstwerken, die aus Eisen und Stahl verfertigt sind oder die Produktion von Eisen und Stahl zum Thema haben. Dazu sind noch mehrere hundert Bilder und Plastiken ausgestellt, die zu den rund 5000 Werken gehören, die die Jury nicht passiert haben. „Sie hätten sich Rollschuhe mitbringen sollen“, sagte ein Düsseldorfer Freund, als wir die Ausstellung betraten.

Die Bilder hängen meist an Stahldrahtgeflecht, das teils rechteckig, teils spitzwinklig, teils in Windungen die weiten Ausstellungshallen durchzieht und labyrinthartig unterteilt. Zunächst ist man verwirrt; das macht die Angst, diese Fülle von Ausstellungsgut nicht bewältigen zu können. Mit einer gewissen Erleichterung flüchtet man in den Raum B 9, in dem wenige große Fotos einen Eindruck von einer modernen Architektur geben, die nur möglich wurde dank ausgiebiger Benutzung von Eisen und Stahl. Da ist eine Schule aus Leverkusen. Eine Fensterwand, wie sie mit den Mitteln der bisherigen Technik nie zu schaffen gewesen wäre, verbindet Wald und Garten mit dem inneren Raum, in dem Knaben und Mädchen nicht mehr an Pulten, sondern zu viert und sechst um runde Tische sitzen. – Die Technik hilft ein neues Lebensgefühl zu schaffen. Da ist die Kongreßhalle von Frankfurt am Main. Erst so weit gespannte Hallen ermöglichen jene Massenversammlungen, die politischer Propaganda zum Siege verhelfen können. Hier rauscht der Beifall auf, der Millionen Hörern durch das Radio vermittelt wird.

Diese kleine Sammlung von Bildern moderner Architektur stimmt nachdenklich. So stark also beeinflußt eine anonyme Technik unser heutiges menschliches Leben. Mit anderen Augen betrachtet man nunmehr die Plastiken und Gemälde in den übrigen Räumen, nachdem man diese Beispiele aus der Baukunst gesehen hat. Wie setzen sich in den „freien“ Disziplinen die Künstler mit der Technik auseinander? Im Katalog ist zu einem Essay von Paul Ortwin Rave das „Eisenwalzwerk“ von Adolph Menzel abgebildet, das in der historischen Abteilung der Ausstellung nicht gezeigt werden kann, weil die Russen es, wie ungezählte andere Kunstwerke aus deutschem Besitz, gestohlen haben. Das technische Geschehen ist auf dem Gemälde in aller Deutlichkeit wiedergegeben: die Maschinenhalle mit den Kränen, Öfen und Schwungrädern. Im Mittelpunkt aber steht die Darstellung der Menschen, der arbeitenden wie der ruhenden. Heute aber, so zeigt die Ausstellung, stehen fast immer die technischen Einzelheiten im Vordergrund. Heute beherrschen die Hochöfen, Kräne und Schwungräder das Bild. Die Technik hat den Menschen verschlungen. Was die zaubergleiche Stimmung der Romantik ausmachte, daß der Mensch ein Spielball höherer Gewalten sei und dadurch zugleich Entsetzen und Seligkeit empfände, ist heute ein echtes Lebensgefühl geworden. Wir sind in jeder Hinsicht die Erben des romantischen Zeitalters.

Natürlich kommt das Thema der Ausstellung einer solchen Darstellungsweise entgegen. Verlangt war ja, daß mindestens eines der eingesandten Werke mit Eisen und Stahl in Verbindung stehen müsse. Die Möglichkeit, einen Preis oder einen Ankauf oder gar das Interesse eines Stahlmagnaten zu gewinnen, mag manchen Künstler dazu gebracht haben, die Heroisierung der Technik zu übertreiben. Manche Bilder wirken wie echte Alpträume, andere allerdings nur, als hätten sie einen Bramarbas der Technik zum Autor gehabt. Doch ist überall die Tendenz zur Entmenschlichung als allgemeiner Grundzug unverkennbar.

Das zeigt sich besonders schlagend bei der Plastik. Hier waren die Künstler bei ihrer Einsendung fast völlig frei. Es genügte, gemäß den Bedingungen, wenn ihre Werke in Eisen und Stahl oder Bronze gegossen oder für – einen solchen Guß vorgesehen waren. Thematische Vorschriften – wie bei den Malern – gab es nicht. Der Betrachter aber, aufmerksam geworden durch das Studium der Gemälde, wird auch hier den Prozeß der Entmenschlichung in der Kunst nicht übersehen können. Wir meinen hierbei nicht jene Bildhauer, die dem Vorbild von Brancusi und Moore nachstreben und gegenstandslose „reine“ Formen bilden. Doch auch bei den anderen wird man bemerken müssen, daß sie eine Neigung haben, durch eine Verhärtung, die zugleich eine Vereinfachung wie eine künstliche Stilisierung der menschlichen Figur ist, der starren Form zur Herrschaft über das Leben zu verhelfen, was eben den Prozeß der Entmenschlichung kennzeichnet.

Von den Malern hatten es die „Abstrakten“ am leichtesten. Sie konnten unbekümmert in ihrer gewohnten Weise malen und unter solche Bilder „Eisen und Stahl“ schreiben, womit sie für den, Wettbewerb zugelassen waren. Man wird den Witz, der in einem solchen Verhalten liegt, genießen dürfen. Hier sind nicht nur die Grenzen des Wettbewerbs übersprungen, hier ist auch die Herrschaft der Technik über den Menschen gebrochen, allerdings – mit den Mitteln der Anarchie. Die meisten dieser Künstler haben mit ihren Werken die Zustimmung der Jury vor allem wohl deswegen erhalten, weil sie im rein Malerischen ganz Vorzügliches geleistet haben.