Vor nur liegen einige Blätter mit handschriftlichen Aufzeichnungen Maria Montessoris in französischer Sprache. Sie machte sie vor knapp einem Jahr auf einer internationalen Konferenz namhafter Pädagogen, die sich bei ihrem Erscheinen spontan erhoben. Die großzügigen, lebensvollen Schriftzüge sind ein treuer Ausdruck der bewegten Seele dieser Frau. Mit der Vitalität einer italienischen Bäuerin und der Würde und dem Selbstbewußtsein einer Königin breitete die Achtzigjährige in überraschender geistiger Lebendigkeit, die sie in der Diskussion bisweilen zu einer leidenschaftlichen Erregung steigerte, vor diesem Kreis noch einmal ihre Gedanken aus, dabei die Summe ihrer pädagogischen Existenz ziehend.

Diese Gedanken kreisten ein Lebenlang um das Wohl des Menschen, der seine Existenz nicht mit zwanzig, zehn oder sechs Jahren beginnt, sondern mit der Geburt. Mit unerschütterlichem Mut hat sie besonders für das Recht der kleinen Kinder auf ein eigenes Leben gekämpft. „Man spricht so viel von Demokratie, Freiheit, den Menschenrechten – aber man macht die Kinder zu Sklaven von Schulbestimmungen und intellektuellen Diktaten, die ihnen auferlegen, was und wie sie lernen sollen. Das Volk der Kinder ist das einzige rechtlose Volk. Das Kind ist der vergessene Bürger“. Hier wird unmittelbar ein revolutionäres Pathos spürbar. Für die Rechte dieses vergessenen Volkes der Kinder in aller Welt hat sie in ihren Büchern und ihren Schulgründungen gekämpft.

Sie begann als Kinderärztin in einer psychiatrischen Klinik in Rom. Ihre Erfahrungen bei der ärztlichen Betreuung der zum Teil verwahrlosten und schwachsinnigen Kinder erweckte in ihr den Wunsch, den Kindern nicht nur physisch, sondern auch geistig und seelisch zu helfen. So wurde sie zur Pädagogin und wandte sich in steigendem Maße erzieherischen Aufgaben in Theorie und Praxis zu. Die Kämpfe, die in der Pädagogik um ihre neuen Methoden entbrannten, und die kritische Auseinandersetzung mit ihrem Werk, ihren Erfolgen und Mißerfolgen sind heute schon weithin Geschichte. Manche der von ihr ausgelösten Impulse sind unverlierbar.

Nach den beiden Kriegen stellte sie sich den neuen Aufgaben. Ihre Überzeugung war, daß es nur einen Weg gäbe, auf dem wir hoffen können, die zukünftigen Generationen vor dem Elend zu bewahren, das uns bedrückt: Die Erziehung. Wir sollten die strittigen Einzelprobleme vergessen und „uns ganz auf den Menschen konzentrieren“. Und das bedeutet für Maria Montessori vornehmlich, den kleinen Kindern den für ihr Wachstum erforderlichen geistigen und physischen Raum zu schaffen. Die schöpferischen Kräfte des Geistes und Gemütes der Kinder können zwar nicht getötet, aber unterdrückt und dadurch in die Richtung der Gewalttätigkeit, der Zerstörung und der Selbstzerstörung in physischer und psychischer Erkrankung gelenkt werden.

Man kann zu Einzelheiten ihrer Methodenlehre verschieden stehen, aber jeder, der etwas von der Kraft ihrer Persönlichkeit erfahren hat, weiß, daß es ihr um mehr gegangen ist, als um neue Erziehungsmethoden und Erziehungsziele. Hier war ein Mensch, eine Frau, die mit Herzenswärme, mit Begeisterung und der Fähigkeit, andere für eine ideale Aufgabe zu entflammen, ein Lebenswerk der Liebe an den Kindern, besonders den kleinen, vollbracht hat. Sie wollte diese Kleinen vor der Bedrohung durch die überzivilisierte Welt der Erwachsenen, vor dem intellektuellen Getriebe der Schule, vor Haß und Krieg in ihrer eigenen schöpferischen Spontaneität in einer Welt des Friedens bewahren. Wenn man ihr vielleicht in einer frühen Phase ihrer Entwicklung den Vorwurf machen konnte, daß sie selbst zu rationalistisch, positivistisch oder intellektualistisch in ihren Arbeiten gewesen sei, so hat die letzte Zeit ihrer weisheitsvollen Reife deutlich gemacht, wie all ihr Denken und Tun aus dem religiösen Urgrund ihrer katholischen Frömmigkeit aufstieg, der sich in einer beglückenden und allumfassenden Menschenliebe offenbarte. Walther Merck