Der Bundeswirtschaftsminister ist populär. Die Karikaturen von dem dicken Mann mit Zigarre (aber auch mit Optimismus und Erfolgen) beweisen es, ebenso die Stammtischgespräche der Männer und die Kaffeekränzchen der Frauen – hier, sobald das Gespräch sich um das Wirtschaftsgeld dreht. Das geht die Persönlichkeit des Professors Erhard an. Ist aber auch sein Kurs populär? Anders gefragt: Wer versteht eigentlich seinen Kurs? Herr und Frau Jedermann sind keine Nationalökonomen, die in wirtschaftlichen Kreisläufen zu denken vermögen. Sie sehen nur ihre Bedürfnisse, die Preise und ihr Einkommen. Daß sie heute mehr kaufen können als voriges Jahr, wissen sie; daß sie, und vor allem die Arbeiterschaft, 1951 mehr kaufen konnten als 1950, wissen sie auch. Ausgenommen ist (vielleicht .. .) ein Teil der Rentner und der Vertriebenen; aber auch diese müßten ja wohl, auf Ehre und Gewissen gefragt, zugeben, daß sich ihr Lebensstandard seit 1948 wesentlich verbessert hat. Daß dieser Mann der stärksten Regierungspartei damals den Bundestagswahlkampf gewonnen hat, das wissen (fast) alle. Doch dies sind die großen Dinge. Im täglichen Kleinkram ärgert man sich über Steuern, die nicht zu Erhards Ressort gehören, über den hohen Zuckerpreis, der ebenfalls nicht in Erhards Ministerium gemacht wird, freut man sich über sinkende Textiipreise, die ja vielleicht noch weiter sinken könnten. Kurz: Man registriert die Aktualitäten. Die Zusammenhänge zu sehen oder, bewußt zu verzerren, das überläßt man im allgemeinen den Leuten in Bonn. Es fehlt also das selbständige Urteil in Wirtschaftsdingen bei der breiten Masse, die in der Demokratie den Ausschlag gibt. Kann es da wundern, wenn der Parteifunktionär von links für wohlabgestimmte Schlagwortserien Beifall erhält? Zu verstehen sind diese Schlagworte nicht. Das ist ja auch nicht ihr Sinn. Sie wirken aber durch ihre elegante Formulierung, durch Einprägsamkeit und durch die Versprechungen, die sie zu enthalten scheinen. Marktwirtschaft dagegen kann man nicht in Schlagworten formulieren. Doch müßte der jetzige Wirtschaftskurs allgemein-verständlich Herrn und Frau Jedermann nahegebracht werden. Das ginge nicht? Nun, Erhard selbst hat gerade den Beweis angetreten, daß es geht – daß man Marktwirtschaft allgemein verständlich darstellen kann, damit sie auch verstanden wird;

Das Forum: Großer Hörsaal der Universität Hamburg; 600 Personen, darunter 380 Betriebsräte, ferner Lehrlinge, Prokuristen; Studenten, Hausfrauen – also kein Kreis, der von vornherein auf seiten des Ministers steht. Veranstalter war die Volkswirtschaftliche Gesellschaft, die seit Jahren darum ringt, den Jedermanns klarzumachen, daß Marktwirtschaft Verbraucherwirtschaft ist. Vor diesem kritischen Publikum also sprach Erhard, wenig professoral, lebensnah, Einwände widerlegend, Politik und Wirtschaft verknüpfende Und siehe da: es ging. Die Menschen, die da zuhörten, wußten anschließend, was „er“ will und warum „er“ es will. Sie geizten auch nicht mit Beifall für diese „Staatsbürgerkunde“. In der folgenden Diskussion stand Erhard vollauf seinen Mann. Dabei war es für Kenner der Materie wahrlich nichts Neues, was er sagte. Entscheidend war, wie er es sagte. Man mußte feststellen, daß das Thema gar nicht so störrisch ist. Es läßt sich vor breitem und kritischem Publikum abhandeln. Und wie reagierte dieses Publikum? Die Meinungen sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Aber wenn ein stadtbekannter Parteifunktionär dogmatischer Prägung (und Betriebsrat) anschließend zu seinem Kollegen bemerkte, die Sache sei des Nachdenkens wert‚ der Mann hätte ihn ja „beinahe“ überzeugt – dann steht der Versuch einer Aufklärung über Marktwirtschaft (als Verbraucherwirtschaft...) wohl nicht im luftleeren Raum. Bernd Weinstein