Der Zeitpunkt der Wiederaufnahme eines eigenen deutschen Luftverkehrs ist jetzt ungefähr abzusehen. Die offizielle Freigabe seitens der Westmächte wird zwar schon in den nächsten Monaten, der erste Einsatz deutscher Verkehrsflugzeuge jedoch nicht vor Anfang 1953 erfolgen. Diese Frist muß gestellt werden, um die bereits vor Monaten begonnenen Vorarbeiten für den Aufbau einer neuen deutschen Luftverkehrsgesellschaft abzuschließen, denn nur durch eine sorgfältige Vorbereitung hat die deutsche Gesellschaft die Chance, später im Wettbewerb mit den ausländischen Luftverkehrsunternehmen bestehen zu können. Da bis zur Gründung der Gesellschaft sowohl Sachverständige des Bundesverkehrsministeriums als auch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) Träger dieser Vorarbeiten sind, gewann die in Frankfurt veranstaltete 3. Ordentliche Mitgliederversammlung der ADV besondere Bedeutung. Für zwei Tage war Frankfurt nicht nur Treffpunkt aller am Luftverkehr in Deutschland interessierten Kreise, sondern auch Veranstaltungsort verschiedener bemerkenswerter Vorträge, die mit einer Ansprache von Bundesverkehrsminister Seebohm ihren Höhepunkt fanden.

Sehr zu begrüßen ist die Ankündigung des Ministers, wonach die Bundesregierung die Zusammenarbeit mit den ausländischen Verkehrsgesellschaften positiv gelöst wissen will. Auch im Ausland wird man dem Vorhaben Bonns zustimmen, zweiseitige Verträge über den Luftverkehr mit den einzelnen Staaten abzuschließen. Damit ist gewährleistet, daß jede Luftverkehrsgesellschaft ihre Dienste nach Deutschland aufgesellschaft kann, wenn der zukünftigen deutschen Gesellschaft gleiche Möglichkeiten eingeräumt werden. Wie stark sich die ausländischen Gesellschaften dann noch am innerdeutschen Verkehr beteiligen können, wird die weitere Entwicklung ergeben. Schwierigkeiten dürften hier jedoch kaum auftreten, da man sich bei allen ausländischen Luftverkehrsgesellschaften bewußt ist, daß für das innerdeutsche Fluggebiet der deutschen Gesellschaft eine Priorität eingeräumt werden muß;

Nicht weniger wichtig war die zweite grundsätzliche Feststellung Seebohms, daß die deutsche Luftverkehrsgesellschaft nur mit deutschem Kapital ausgerüstet werden soll. Damit wird allen Gerüchten ein Ende bereitet, die von einer kapitalmäßigen Zusammenarbeit mit bestimmten ausländischen Gesellschaften wissen wollten. Derartige Kombinationen waren nur dazu angetan, das Verhältnis mit den anderen (in diesem Zusammenhang nicht genannten) Unternehmen zu beeinträchtigen. Im Hinblick auf die innerdeutschen Verhältnisse ist es zudem befriedigend, daß das neue Unternehmen die Gesellschaftsform einer AG (Veröffentlichung der Bilanz!) mit Beteiligung des Bundes, der Länder und der Privatwirtschaft haben wird. Besser kann die Bundesregierung nicht zum Ausdruck bringen, daß sie in der künftigen deutschen Luftverkehrsgesellschaft keine nationale Prestigeangelegenheit, sondern ein für Deutschland notwendiges Verkehrsunternehmen sieht, das (hoffentlich!) nach gesunden privatwirtschaftlichen Prinzipien geleitet wird.

Noch offen ist die Wahl des Sitzes der künftigen Luftverkehrsgesellschaft. Hier ist in den letzten Monaten ein heftiger, aber verständlicher Streit zwischen verschiedenen deutschen Verkehrsflughäfen ausgebrochen, weil der erwählte Platz zweifellos den Schwerpunkt im deutschen Luftverkehr bilden wird. Das Bundesverkehrsministerium steht zwar auf dem einzig richtigen Standpunkt, daß nur die künftige Gesellschaft selber über ihren Sitz entscheiden kann, doch wäre es erfreulich, wenn bald Klarheit in dieser Frage geschaffen würde, damit die bisher gute Zusammenarbeit zwischen den einzelnen deutschen Plätzen keine Einbußen erleidet. Welcher Platz nun die größten Chancen in dieser Frage hat, ist auch bei sachlicher Überlegung schwer zu beantworten. Es wird bei der endgültigen Entscheidung viel davon abhängen, ob Verwaltung und Technik (Flugzeugwerft) der neuen Gesellschaft an einem Punkt konzentriert oder räumlich getrennt werden sollen. Auf jeden Fall darf man hoffen, daß sich die neue Gesellschaft bei der Entscheidung nicht von politischen Rücksichten leiten läßt, sondern ausschließlich von den ökonomischen Notwendigkeiten. Darum sollte ihre Wahl später von allen Kreisen akzeptiert und unterstützt werden. – de –