Das Problem der deutschen Reparationsleistungen ist im Zusammenhang mit der zur Zeit unterbrochenen Schuldenkonferenz in London wiederum aktuell geworden, wobei der Transfer die größten Schwierigkeiten bereiten dürfte. Es scheint nun doch so, daß die Beschlagnahme der deutschen Auslandsvermögen durch unsere Unterschrift unter den Generalvertrag legalisiert werden soll. Man ist deutscherseits trotzdem optimistisch, da man dieses nur für ein Provisorium hält, denn die Bundesrepublik kann zweiseitige Verhandlungen mit anderen Staaten über die noch nicht verteilten Auslandsvermögen führen. Der nachstehende Aufsatz über die Tätigkeit der IARA in Brüssel fußt auf dem bisher unveröffentlichten Bericht dieser unseligen Institution.

Die Interalliierte Reparationsagentur in Brüssel (IARA) hat in den letzten Jahren das Licht der Öffentlichkeit gescheut. Sie empfand wohl mit Recht ihr Wirken und ihre Existenz als nicht mehr ganz zeitgemäß. So hat die IARA auch den Bericht über ihre 5jährige Tätigkeit seit ihrer Errichtung (24. Januar 1946), der den Charakter eines Abschlußberichtes hat, nicht der Öffentlichkeit, sondern nur den Regierungen der 19 Signatarmächte zugeleitet.

Schon in Jalta wurde in einem Geheimprotokoll zum Konferenzbericht festgelegt, daß die deutschen Wiedergutmachungsleistungen dieses Mal nicht in Geld, sondern ausschließlich in Sachleistungen bestehen sollten: die Beitreibung von Zahlungen gegenüber einem bankrotten Schuldner hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg ja als sehr schwierig erwiesen und unangenehme Folgen für die Weltwirtschaft gezeitigt. – Die Wiedergutmachungsleistung sollte unter dem Gesichtspunkt der „internationalen Solidarität“ so verteilt werden, daß sie „im Interesse aller den Bedürfnissen jedes einzelnen diene“. Zur Verwirklichung dieses Zieles war als Verteilungs- und Verrechnungsstelle die IARA geschaffen, die, wie sie wiederholt betonte, keinerlei Einfluß auf die Art und Menge der Wiedergutmachungsleistungen oder auf das Tempo hatte, in dem diese zur Verfügung gestellt wurden. Dies hätte vielmehr von der Alliierten Reparationskommission abgehangen, die sich – nach zweimaliger Beratung – im September 1945 ohne Anberaumung eines neuen Termins vertagt hatte.

Die Arten der deutschen Reparationsleistungen wurden in Jalta nicht näher bestimmt. Auch die Erklärung von Potsdam „schloß“, wie der IARA-Bericht sagt, „keine Art deutschen Vermögens davon aus, als Reparation in Anspruch genommen zu werden, obschon nur Industrieausrüstung, Auslandsvermögen und Handelsschiffe ausdrücklich erwähnt wurden“. Nach dem Morgenthau-Plan (Z. 5a–e), an den sich Jalta und Potsdam anlehnten, war z. B. auch „deutsche Zwangsarbeit außerhalb Deutschlands“ vorgesehen.

Der Bericht legt großen Wert auf die Feststellung, daß mit den bisherigen Reparationsleistungen die Ansprüche der Reparationsgläubiger nicht als abgegolten angesehen werden können. In der Tat liegt bisher eine abschließende Regelung der Alliierten über die Reparationsfrage noch nicht vor. (Sollte sich nicht die Bundesregierung vor Übernahme endgültiger Verpflichtungen aus der Londoner Schuldenregelung darüber Gewißheit verschaffen, daß sie vor weiteren Förderungen dieser Art sicher ist?)

Für die Verteilung der deutschen Reparationsleistungen wurde, unter Berücksichtigung der Lasten, die die Signatarmächte für die Kriegführung und die „Organisierung des Sieges“ hatten, ein Schlüssel vereinbart, der beispielsweise den USA und Großbritannien 28 v. H. und Lüxemburg 0,15 v. H. zuteilte. Von den Oststaaten gehören Albanien, die Tschechoslowakei und Jugoslawien bis heute zu den Empfängern deutscher Reparationsleistungen mit Quoten von 0,05 v. H., 3 v. H. und 6,6 v. H. Da einige andere Länder (wie USA und Australien) auf ihren Anteil an deutscher Industrieausrüstung verzichteten, wurden die Reparationsleistungen in zwei Gruppen mit verschiedenem Quotensystem eingeteilt: B) umfaßt Industrieausrüstung und Schiffe, A) alle übrigen Leistungen. Da jedoch andere Arten von Reparationen nicht mehr in Anspruch genommen wurden, umfaßt die Gruppe A nur die Auslandsvermögen.

Die Verteilung der Schiffe und der Industrieausrüstung ist abgeschlossen. Nur für die Auslandsvermögen (einschl. der in Deutschland beschlagnahmten ausländischen Wertpapiere und Zahlungsmittel) werden noch Eingänge in Höhe von etwa 10 v. H. der bisher erhaltenen Zahlungen erwartet. – Die Schiffe waren im Mai 1946 bereits fast vollständig verteilt (254 Fahrzeuge), und zwar nicht nach dem Quotenschlüssel der Gruppe B, sondern nach den Kriegsverlusten, die die einzelnen Staaten an Schiffen erlitten hatten. Von den insgesamt 767 604 t (290 Fahrzeuge), die verteilt wurden, gingen 381 463 t an England, dem allerdings nur 353 406 t zustanden, ferner 87 231 t an Norwegen, 60 162 t an Frankreich, 55 615 t an Holland, 44 977 t an die USA und 32 944 t an Jugoslawien.