In den Vereinigten Staaten ist ein Verfassungskonflikt im Gange, der vielleicht der bedeutungsvollste in den mehr als 150 Jahren der amerikanischen Demokratie ist. Am 8. April hatte Präsident Truman, um einen drohenden Streik der Stahlarbeiter zu verhüten, durch eine Anweisung an den Handelsminister Sawyer die gesamte amerikanische Stahlindustrie mit einem Vermögen von mehreren Milliarden Dollar beschlagnahmt, um eine Lohnerhöhung durchzuführen, der die Stahlindustriellen nicht hatten zustimmen wollen. Im ganzen Lande erhob sich eine starke Erregung. Nicht nur die Stahlindustriellen, sondern der größte Teil der Öffentlichkeit, der Kongreß und ganz besonders die Presse wandten sich gegen den Präsidenten, der seine Ankündigung in so drastischer Weise wahrgemacht hatte, er werde nach dem Verzicht auf seine Kandidatur für die nächste Präsidentenwahl keine „lahme Ente“ sein. Trumans Anordnung hat in der Tat die Verfassungsfrage hinsichtlich der Macht des Präsidenten in ihrer ganzen Breite aufgerollt: Wenn der Präsident berechtigt ist, ohne die Gesetzgebung in Anspruch zu nehmen, einen ganzen Industriezweig zu beschlagnahmen und das in der Verfassung gesicherte Recht auf Eigentum zu mißachten, dann ist seine Macht in der Tat unbegrenzt und nicht geringer als die, welche Hitler mit dem Ermächtigungsgesetz vom Jahre 1933 zufiel. Dann sind die Individualrechte der amerikanischen Konstitution nur noch eine leere Formel, Rechte von Gnaden des Präsidenten, und dem amerikanischen Volk bleibt nur mehr der Anspruch, den Mann auszuwählen, der solche unbegrenzte Vollmachten besitzt, nicht aber seine Amtsführung durch Parlament und Gerichte zu kontrollieren.

Die Stahlindustrie brachte den Fall sogleich vor ein Bundesgericht, das am 9. April seine Entscheidung fällte: „... der Akt der Regierung ist illegal.“ Die Verhandlung brachte den Standpunkt des Präsidenten klar zum Ausdruck: Der Präsident als Träger der Exekutivgewalt und als Träger der Verantwortung für die Sicherheit der Nation muß die Macht haben, in einem von der Verfassung nicht vorgesehenen Notstand diejenigen Maßnahmen zu treffen, durch die der Notstand behoben werden kann. „Wir bestehen darauf“, sagte der Regierungsvertreter in der Verhandlung, „daß die Vollmachten des Präsidenten ausreichend sind, um jedem nationalen Notstand zu begegnen, der auftreten mag.“

Richter: „Ist es Konzept der Regierung, daß die Verfassung dem Parlament und der Rechtsprechung Schranken auferlegt, aber nicht der Verwaltung?“

Regierungsvertreter: „Das ist unsere Auffassung ... Der Präsident ist nur dem Lande verantwortlich und seine Akte sind rechtmäßig.“

Richter: „Wenn der Präsident Mr. Sawyer bevollmächtigt, Sie zu verhaften und hinzurichten, meinen Sie dann kein Recht zum Einspruch zu haben?“

Regierungsvertreter: „Darüber müßte ich erst noch nachdenken.“

In dem Urteil jedoch, durch das die Beschlagnahme der Stahlindustrie aufgehoben wurde, sagte der Richter: „Weder in einzelne Bestimmungen noch im ganzen gibt die Verfassung dem Präsidenten das Recht, solche Handlungen vorzunehmen, die er für notwendig im Interesse der Allgemeinheit halten mag...“