Als ich noch jung und musikalisch unschuldig war, lieh mir mein Musiklehrer (Mitglied des Berliner Philharmonischen Orchesters) des öfteren seine Familien-Dauerkarte für die Philharmonie. Dort gab es an verschiedenen Wochentagen „Volkstümliche Konzerte“, darunter häufige Richard-Wagner-Abende. Dirigiert wurden diese Konzerte nicht von Nikisch noch von einer anderen der damaligen Koryphäen, sondern von dem tüchtigen „ständigen Dirigenten“; er hieß Camillo Hildebrand. An solchen Abenden waren die Sitzreihen der Philharmonie ausgeräumt, und statt ihrer füllten, dichtgedrängt, Tische den Saal, an denen Bier serviert wurde. Das war gemütlich und hatte Stil. Denn auch in Bayreuth spielt das Bier eine große Rolle als Trank der Entspannung nach den Strapazen ungewohnten geistigen Höhenflugs.

Seither sind Bierkonzerte längst abgekommen; aber auch Wagner-Abende im Konzertsaal. Ich weiß nicht, ob das Aussterben der einen wie der anderen kausale Zusammenhänge hatte. Jedenfalls war es so: man hatte wohl bemerkt; daß Haydn, Mozart, Beethoven (das waren die Säulen der außerwagnerschen volkstümlichen Konzerte) nicht so harmonisch mit dem Kult des Gerstensaftes zusammenklangen; und gegen die Wagner-Abende überhaupt gab es eine Reaktion, als Leute, die es wissen mußten, mehr und mehr mit guten Gründen feststellten, daß Wagner im Konzert eine durchaus problematische Angelegenheit ist. Schon allein deshalb, weil es (außer den paar abgeschlossenen Ouvertüren) nur musikalische Bruchstücke dabei zu hören gibt. Das verdirbt den Geschmack und die Kultur des Musikhörens ganz allgemein.

Gerade wenn man dem alten Hexenmeister jede Größe in seinem angestammten Bereich zuerkennt (sein Bereich aber ist das Theater), muß es einen förmlich entgeistern, wie die tropischen Gewächse Wagnerscher Tonphantasie sich, losgelöst aus ihrer natürlichen Atmosphäre, und ihrer sichtbaren Stimmungsrequisiten beraubt, jählings entblättern; wie das Pathos dieser Musik – im Theater echt und zur Sache gehörig – verstimmt; wie ihre dramatische Gestikulation leer wird, da das sie erklärende visuelle Komplement fehlt. Darum eben sind Wagner-Abende keine autonomen künstlerischen Veranstaltungen, sondern Surrogate. Trotzdem sind sie neuerdings hier und da wieder aufgelebt.

Merkwürdig, daß auch ein so nüchterner Kopf wie Hans Schmidt-Isserstedt (den man ohnehin nicht gut als Wagner-Enthusiasten bezeichnen kann) das Richard-Wagner-Konzert wieder zur Diskussion stellt. Oder war es nur ein Arrangement ad hoc, um der Wagnersängerin Kirsten Flagstad Gelegenheit zu geben, sich nach ihrem Abschied von der Bühne (zuletzt Metropolitan Opera) hier in Erinnerung zu bringen? Sie hat freilich noch immer bedeutendes Format; ob auch noch „Bayreuther“ könnte man nur am Eindruck einer ganzen durchgehaltenen Partie ermessen, während sie an diesem Abend nur zwei größere Szenen sang: den „Liebestod“ und den „Götterdämmerungs“-Schluß. Ihre Stimme zeigte hier die alte Leuchtkraft und Biegsamkeit; ihre Technik das gewohnte souveräne Können, die unbedingte Überlegenheit über alle Schwierigkeiten; ihre Gestaltung die Ergebnisse langjähriger Vertrautheit mit der Aufgabe.

Schmidt-Isserstedt war bestrebt, die rein musikalischen Werte dieser Tonsprache ans Licht zu heben. Es gelang ihm oft bis zum letzten Grade der Möglichkeit, wenn auch durch das Mittel einer ziemlich radikalen Entpathetisierung. Es fragt sich aber, ob Wagners Musik dadurch an Überzeugungskraft gewinnt oder verliert. Kann man einem wesentlich pathetischen Künstler sein Pathos abhandeln? Dürfte man Rubens auf den Chic von 1952 bringen, indem man seine Akte entfettet, seinen Farbenüberschwang wegnuanciert, seine Thematik versachlicht? Die metaphysische Inbrunst und Brunst des „Tristan“-Vorspiels etwa, ganz auf „schlanke Linie“ gebändigt, war wohl eine artistische Hochleistung. Aber die Gestik des Stückes wurde dadurch gegenstandslos und griff ins Leere. Es war eine jener durchaus kalten Ekstasen, wie sie der Kunstverstand eines Richard Strauß gelegentlich produziert hat. Ähnlich verhielten sich glänzende Vorzüge und latente Verluste bei der Wiedergabe anderer Orchestersätze: der wie gestochen aufgelichteten „Tannhäuser“-Ouvertüre (bei der leider nicht auf den groben Effekt mit den outrierten Mittelstimmen-Hörnern am Schluß verzichtet wurde) und der überhetzten „Meistersinger-Ouvertüre, während das dritte Meistersingervorspiel keinen Wunsch offenließ.

Die Wogen der Begeisterung um Schmidt-Isserstedt, Kirsten Flagstad und das großartige Sinfonieorchester des NWDR in der Hamburger Musikhalle überschlugen sich beinahe. Eine Rehabilitierung des überlebten Konzerttypus’ „Wagner-Abend“ läßt sich daraus nicht ableiten.

Walter Abendroth