Gustaf Gründgens hat als Schauspieler den Ruf, ein komödiantischer Virtuose zu sein. Der Intendant Gründgens ist von dieser Abstempelung nicht sehr beglückt. Immerhin, die Eleganz der Operette aus seinen früheren Jahren, die „Herren“ in Stücken von Wilde und Shaw bis zu Sternheims Snob und dem Rechtsanwalt Sir Morton in „Fall Winslow“ wären in seiner Darstellung nach wie vor ohne Vergleich. Der Künstler Gründgens revoltiert jedoch schon lange gegen den vollendeten Beau. Gewisse Rollenschöpfungen des Berliner Generalintendanten galten bereits hinter komödiantischer Brillanz der Doppelbödigkeit großer Charaktere. Diese innere Entwicklung des Schauspielers erreichte ihr kritisches Stadium in Düsseldorf. Mit 49 Jahren holte Gründgens den jugendlichen Tasso nach. Angstvoll hielt man den Atem an. An seinem 50. Geburtstage kreierte er einen neuen Hamlet. Schaut her, sagten seine Gegner, jetzt baut er sich für seine Monologe eigens eine Vorbühne, um ja in Großaufnahme gesehen zu werden. Sie spürten nicht, was dann Franz Moor zur Evidenz verdichtete: Ein schillernder Komödiant wurde von seiner Intelligenz auf den Weg des Geistes gewiesen, Hamlet und Moor waren Durchbrüche mit Teilergebnissen. Es ging um eine mit schauspielerischen Mitteln zu leistende Neuinterpretation „klassischen“ Erbgutes. Gründgens wollte es aus dem Erlebnis des Nichts und der Verzweiflung als zeitgemäße Aussage in das Bewußtsein des modernen Menschen heben.

Auf diesem Wege zur Verwesentlichung hat der Darsteller Gründgens in seiner neuesten Düsseldorfer Inszenierung einen Meilenstein erreicht. Vor Pirandellos „Heinrich IV.“, wie er hier gespielt wurde, mußten auch die Zweifler verstummen. Ein italienischer Aristokrat wurde nach dem Sturz vom Pferde wahnsinnig und lebte zwanzig Jahre lang seine Rolle aus einem historischen Maskenzug als wahnbefangene Wirklichkeit weiter. Erst die Konfrontation mit dem Schuldigen, einem Freund und Nebenbuhler von einst, der den Narren auf einem Schloß seine Traumexistenz auskosten läßt, und mit der Marchesa, die er liebte, bewegen den „Kaiser“, seine Maske fallen zu lassen. Seit vielen Jahren ist er genesen, spielt aber den Wahnsinn freiwillig weiter, weil es der einzige modus vivendi ist, in einer Welt der verlorenen Sicherheit, des zertrümmerten Glaubens und der Sinnlosigkeit das Sein als Schein langsam verlöschen zu lassen. Pirandello hatte recht: „Heinrich IV.“ ist das Meisterwerk eines Ironikers, eines Denkspielers, der nach dem ersten Weltkrieg in einem entlarvenden Bühnenspiegel gleichwohl die Würde wahren Lebens, glorifizierte,

Gründgens’ „Heinrich“ ist mehr als eine literarhistorische Reprise. In einer Rolle, die einst für Moissi ein Paradestück theatralischer Virtuosität war, zeichnete Gründgens einen leidenden Menschen. Nie war dieser Schauspieler ferner dem nur komödiantischen Artistentum. Ohne auf eines seiner künstereichen Register zu verzichten, bewirkte er die Bannung des Zuschauers ohne lauten Ton, ohne ausgespielte „Auftritte“, allein aus dem durchgeistigten Wort und durch die Intensität des Gefühls. Damit hielt er auch jene in Spannung, die solch eine Substanz bei diesem Schauspieler überhaupt in Frage stellten. Was diese erschütternde Verwesentlichung den Menschen Gründgens gekostet haben mag, das entzieht sich der öffentlichen Beurteilung. Erzielt wurde jedenfalls der Triumph einer vielschichtigen, ganz aus den Hintergründen der Seele schöpfenden Menschengestaltung, die von der Qual der Kreatur über die Sehnsucht nach Wahrheit und Leben in den bitterweisen Verzicht Shakespeareschen Narrentums führte.

Wie sein eigenes Schauspielertum, so balancierte Gründgens als Regisseur ein Spiel aus, in dem Schein und Sein ihre Konturen verlieren. Mit Sybille Binder, Günther Lüders, Otto Ströhlin transponierte er den Ironiker Pirandello in den magischen Realismus der Gegenwart und erzwang aus der Rekapitulation eines verschollenen Autors dessen neue Rezeption. Auch diejenigen Zuschauer im Düsseldorfer Schauspielhaus, die den Titel „Heinrich IV.“ zunächst auf Shakespeare und die kassenfüllende Klassik bezogen hatten, beteiligten sich überwältigt an dem einhelligen Beifall, der einen rundum Vergleichslosen Abend neuen deutschen Theaterspiels bestätigte. Johannes Jacobi