Von Paul Bourdin

Ob nun der Geheimbericht des Oberbefehlshabers der amerikanischen Marine, Admiral Fechteier, den die gewichtigste französische Zeitung, Le Monde, veröffentlicht hat, echt ist oder nicht –: das Echo, das diese Veröffentlichung in der Welt gefunden hat, beweist zunächst einmal, daß der Bericht sehr ernst genommen wird. Der Erste Lord der britischen Admiralität, Thomas, der Erste Seelord, Sir Rhoderick McGrigor, und der Chef des Nachrichtendienstes der Marine sind sofort zu einer geheimen Beratung zusammengetreten. Jetzt streitet man darüber, wie weit der Bericht echt sei. Er hätte nicht ein solches Aufsehen erregt, wenn er nicht den Eindruck der Echtheit hervorgerufen hätte. Das erklärt sich dadurch, daß die strategische Konzeption, die ihm zugrunde liegt, übereinstimmt mit den Auffassungen, die in letzter Zeit von vielen politischen und militärischen Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten geäußert worden sind.

Wie eine Bestätigung hat auch die Erklärung gewirkt, die der amerikanische Admiral Carney am Tage der Veröffentlichung in Athen abgegeben hat, als er sagte, nicht nur die Landstreitkräfte Griechenlands und der Türkei, sondem auch ihre Seestreitkräfte würden, seinem unmittelbaren Kommando unterstellt werden. Die Engländer sehen in dieser Erklärung den Versuch, ihnen das amerikanische Oberkommando im Mittelmeer aufzuzwingen und damit die strategische Offensivkonzeption durchzusetzen, gegen die sich London immer gesträubt hat. Wie gesagt –: Ob nun echt oder mehr oder weniger leicht gefälscht, der Bericht gibt tatsächlich bestehende amerikanische Tendenzen wieder, und das genügt, das Weltinteresse zu rechtfertigen, das er hervorgerufen hat.

Für uns Deutsche ist der Bericht schon deshalb wichtig, weil er kein einziges Mal Deutschland und seine Verteidigung erwähnt. Dafür wäre der Umstand, er sei bereits am 18. Januar geschrieben worden, keine ausreichende Erklärung: auch damals schon war mit einem militärischen Beitrag Deutschlands zur Verteidigung Europas zu rechnen. Wenn das Office des Oberbefehlshabers der amerikanischen Marine, dessen Unterschrift der Bericht in der Veröffentlichung der Le Monde trägt, auf die Möglichkeit einer Verteidigung Deutschlands überhaupt nicht eingeht, so ergibt sich daraus keineswegs die Folgerung, daß der deutsche Verteidigungsbeitrag aussichtslos und daher überflüssig wäre. Eher sollte man denken, daß die Notwendigkeit hervorträte, diesen Beitrag so stark wie möglich zu machen, damit – käme es je zum „Ernstfall“ – die deutsche strategische Konzeption der offensiven Verteidigung von der Elbe aus sich in der amerikanischen und in der europäischen Planung durchsetzt gegenüber der Konzeption einer nachträglichen Befreiung durch einen Flankenstoß von der Basis des Mittelmeeres aus, wie er in dem Fechteler-Bericht befürwortet wird.

Fechteier – oder wer immer der Verfasser dieses Berichts sein mag – ist der Auffassung, „das kontinentale Europa könne sehr wohl sofort durch umstürzlerische Elemente, die im Inneren der Länder arbeiten, desorganisiert werden“. Er beruft sich auf mehrere Berichte seiner Informationsabteilung, nach denen Europa unfähig sei, einem russischen Vorstoß zu widerstehen, und zwar wegen der Unfähigkeit seiner politischen Leiter, wegen der „großen Müdigkeit“ seiner industriellen und finanziellen Führungsschicht und wegen des mangelnden Kampfgeistes seiner maßgebenden militärischen Führer.

Die Folgerung, die der Bericht daraus zieht, lautet: „Die Vereinigten Staaten müssen sich nach dem Mittelmeer als dem Hauptschauplatz offensiver Operationen wenden, sobald die westlichen Zugänge zum europäischen Kontinent (Skandinavien, die britischen Inseln, Frankreich, Spanien) den Vereinigten Staaten verschlossen würden. Nordafrika könnte also als Hauptstützpunkt kombinierter Operationen dienen, während es im zweiten Weltkrieg nur als Nebenschauplatz ausgenutzt worden ist... Sobald die Luftüberlegenheit über dem Mittelmeerraum gesichert sei, würden die darauffolgenden komgesichert Operationen es gestatten, Unsere Truppen zu landen, damit sie das vom Angreifer besetzte Territorium und womöglich sein nationales Territorium erobern und ihrerseits besetzen, was unumgänglich notwendig ist.“ Die ersten Operationen müßten gegen Albanien, Bulgarien und Rumänien gerichtet werden.

Der Bericht beruft sich sowohl auf Studien deutscher Generale als auch des amerikanischen Generalstabes, um dadurch zu beweisen, daß die einerseits in Westeuropa, andererseits in Richtung auf den Persischen Golf eingesetzten sowjetischen Truppen auf dem Weg über Griechenland, Jugoslawien und die Türkei umgangen werden könnten. Die Türkei solle gegen den Kaukasus und gegen Bulgarien, Griechenland gegen Bulgarien, Jugoslawien gegen Bulgarien und Ungarn eingesetzt werden,