Die neuere Geschichte der Elektrizitätswirtschaft Westdeutschlands ist, soweit es dabei um die Wirtschaftspolitik geht, eine Geschichte der Unterlassungen. Und die Jahrestagungen (diesmal vom 14.–16. Mai in Bad Pyrmont) der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) gewinnen immer mehr den Charakter von Beschwörungen, die speziellen Preis-, Investitions-, Kapazitäts- und Verteilungsprobleme der Versorgungsunternehmen (EVU) mit der gebotenen Eile und Gründlichkeit aus der Welt zu schaffen, auf daß nicht eines baldigen Tages eine ‚dicke Finsternis“ ausbreche.

Erfahrungsgemäß verdoppelt sich der Stromverbrauch in den meisten Industrieländern der Welt alle zehn Jahre. Im Bundesgebiet hat sich die Praxis letzthin allerdings nicht an der „üblichen“ Zuwachsrate von 7,2 v. H. je Jahr orientiert, sondern 1950 mit einer Zunahme von 14,5 v. H. und 1951 mit einer solchen von 18,8 v. H. überrascht, ohne daß sich nun eine Beruhigung dieser stürmischen Tendenz abzeichnet. Im Gegenteil: man wird sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß der Stromverbrauch je Kopf der Bevölkerung weiter zunimmt, weil er mit 910 kWh bisher beträchtlich unter dem Jahres-Gesamtverbrauch etwa in England (984 kWh), Belgien (1042 kWh), der Schweiz (1979 kWh) und erst recht den USA (2244 kWh) liegt. Abgesehen davon drängt auch die Industrie nach steter Ausdehnung ihrer Leistungsgrenzen, und die bislang unerschlossenen Absatzreserven, z. B. in der Landwirtschaft, der Elektrifizierung von Produktionsanlagen und der Hauswirtschaft (etwa Raumheizung) sind zu berücksichtigen – solange die Stromerzeugung dies zuläßt. Und an diesem Punkte beginnen die Aussichten sich zu verdüstern.

Denn: die gegenwärtig installierte Engpaßleistung in der öffentlichen Stromversorgung und den industriellen Eigenanlagen beziffert sich auf 12,6 Mill. kW; bei einem Jahres-Bedarfszuwachs von nur 6 v. H. müßte sie bis 1960 immerhin 20 Mill. kW erreichen. Unter den augenblicklichen Verhältnissen erscheint das als sehr zweifelhaft, meint die VDEW, wenn sie an die finanzielle Kehrseite solcher Forderungen denkt. Das Resultat der Vorausberechnungen besagt, daß im nächsten Winter („selbst bei bescheidener Bemessung der Zuwachsrate“) mit einer Fehlleistung von 700 000 kW zu rechnen sei.

Die Elektrizitätswirtschaft veranschlagt ihren Kapitalbedarf für Neuinvestitionen auf 1 Mrd. DM jährlich (davon knapp zwei Drittel für Kraftwerke, Rest für Übertragungsanlagen). Mit diesem Betrage, von dem es heißt, daß er zehn Jahre hindurch erforderlich sei, könnte man der erwarteten Bedarfserhöhunggerecht werden, wenn eben diese Mittel aufgebracht werden. In den Jahren 1949 bis 1951 floß aus dem Gegenwertfonds jedoch nur 1 Mrd. DM. Und aus der Investitionshilfe soll die Energiewirtschaft ganze 300 Mill. DM für den Auf- und Ausbau von Kraftwerken bekommen, mit der Auflage, daß damit zunächst die mit ERP-Geldern „anfinanzierten“ Bauvorhaben fertigzustellen sind. Für neue Kapazitäten erübrigt man nach Abzug der entsprechenden Summe noch 84 Mill. (minus 2 Mill. zugunsten der Wasserversorgung), gerade genug für zwei Werke zu je 30 000 kW. Das ist nicht mehr als ein Tropfen ...

Bleiben als weitere Quellen die Auslandshilfe (Weltbank?) und der deutsche Kapitalmarkt. Der ausländischen Kapitalhergabe mögen, nach Bereinigung der Auslandsschulden, größere Hoffnungen gelten, als der zweitgenannten, wenngleich die VDEW einräumt, daß der bisher so unergiebige heimische Kapitalmarkt jetzt vielleicht zumindest „ein wenig“ erschlossen werden könne, „durch Auflage von Wandelanleihen, Einführung des sog. Energiepfennigs und andere Aushilfen“. Den Hauptgrund für das Versiegen der (früher) von der Elektrizitätswirtschaft vorwiegend genutzten Kapitalmarktquelle erblicken Fachkreise in der Behandlung der Energiepreise. Jahrelang widersprachen die (1936 gestoppten) Strompreise der ökonomischen Vernunft und dem Prinzip der freien Marktwirtschaft. Jahrelang waren sie „politische“ Preise; das Ergebnis mangelnder Zivilcourage zu einer Anpassung an die wirtschaftliche Wirklichkeit unentwegt steigender Rohstoff kosten. 1950 belief sich der Durchschnittserlös für eine verkaufte Kilowattstunde auf nur 128 v. H. des Standes von 1938, während die Löhne rund 180 v. H., mancherlei Materialien 220 v. H. erklommen. So lebte man denn notgedrungen von der Substanz, dem Gefahrenpunkt immer näher rückend.

Erste wirksame Hilfe verspricht die jüngst vom Bundeswirtschaftsministerium verspätet verordnete „Entzerrung“ der Industriestrompreise (Sonderabnehmer = 80 v. H. der Gesamtabnehmer), deren Effekt abzuwarten ist. Was die „Tarifabnehmer“ angeht, so obsiegten noch die Befürchtungen, daß kostenechte Tarife die Lebenshaltungskosten maßgeblich beeinflussen würden. Ein Experte sagte vor ein paar Monaten, freilich, daß die Ausgaben für Strom bei einem vierköpfigen Haushalt eines Berufstätigen mit einem Monatseinkommen von 200 bis 350 DM nur 1,44 v. H. (für Tabak 2,95 v. H.) betrügen. Und bei der Mehrzahl der verarbeitenden Industrien (also ohne Grundstoffindustrien) nahm er den Stromkostenanteil an den gesamten Fertigungskosten mit weniger als 1 v. H. an. Aber selbst wenn man sich nicht auf feste Prozentgrößen festlegen will, zumal es ja allerlei Unterschiede gibt, dürfte feststehen, daß die schließlich doch nicht zu umgehende „Anhebung“ der Tärifabnehmerpreise für den davon betroffenen Personenkreis eine untergeordnete. Rolle spielt (Pfennigbeträge), zugleich aber der Gefahr entgegenwirkt, daß man in absehbarer Zeit am Schalter knipst und – kein Licht „machen“ kann. So gesehen, ist das, was heute noch als „Schutz“ der Tarifabnehmer bezeichnet wird, lediglich eine Schimäre. Denn niemand wird es als wohlverstandenen Schutz seiner Interessen empfinden, wenn sich sehr ernste Schwierigkeiten in der Stromversorgung einstellen. Man bedenke: dieschaffung neuer Kraftwerksleistung dauert rund zwei Jahre je Objekt; die Fehlleistung wächst aber weiter, und zusätzliche Arbeitsplätze sind – ohne ausreichende Energie – nun wirklich eine Illusion. Helmut Benecke