Zum 70. Geburtstag Wilhelm Lehmanns

Von Rudolf Ibel

In diesen Tagen beging der Lyriker Wilhelm Lehmann seinen 70. Geburtstag

Kaum beachtet erschien 1935 die erste Folge von Gedichten des damals schon mehr als fünfzigjährigen Wilhelm Lehmann, „Antwort des Schweigens“’ (jetzt in einer Neuauflage wieder zugänglich). Es folgten ihr „Der Grüne Gott“ (1942), „Entzückter Staub“ (1946), „Noch nicht genug“ (1950). Diese dichterische Gründung vollzog sich, wie alles Wesentliche in unserer Zeit, auf schmalem Raum und außerhalb des literarischen Betriebs. Nicht nur der ungewohnte lyrische Stil –: auch die geistige Haltung seiner Gedichte machte Lehmann zum Außenseiter und Fremdling, zumindest im Hinblick auf die platonischchristliche Tradition des europäischen Humanismus. Denn seine Naturlyrik ergibt sich dem vegetativen und chthonischen Zauber der Erde so nachdrücklich, daß Heil und Unheil des Nur-Menschlichen in dem umfassenden und schicksalhaften Raum des Grünen Gottes belanglos erscheinen und die Würde des Menschen, dieses stolzen Herren der Welt, dabei zu kurz kommt.

Noch nie vorher hatte sich im Gedicht ein so bis ins Minutiöse reichender Realismus der Naturerscheinungen dargeboten. Nichts ist zu gering, es bekommt Gewicht und Wirkung: Vogellosung, Schneckenspur, Spinnenfaden, Wieselfuß, Ahornblatt, Kartoffelkrautdampf und Geruch einer geschlitzten Steckrübe. Aber nichts davon verbleibt im Stil des Naturalismus nur impressionistische oder stimmungsvolle Aufzeichnung; die knappe, fast wissenschaftlich genaue und treffende Aussage Lehmanns zielt auf eine essentielle Verdichtung der Erscheinungen: „Gelassen hebt die Anemone / Die vielgespitzte Früchtekrone ... Die knisternde Libelle fliegt / Die sich zu blauer Nadel grade biegt ... Des mürben Holzes grauen Rest / Zerkaut die Wespe für ihr Nest... Weinbeerengroß schwoll der Leib der Spinne ... Die Hitze dörrt den Stapf der Kuh, Gewitterregen schlämmt ihn zu ...“. Hier findet das nebelhaft schwärmende Gefühl keine Stelle mehr, doch auch die nüchterne Verständigkeit sieht, sich bald getäuscht.

Das scheinbar Vordergründige der Dinge weicht dem Zauber eines magischen Realismus, und die innere Schwerkraft des Gedichts erfüllt sich im Mythos. Deshalb sind Lehmanns Verse durchsetzt von mythischen Namen. Der ewige Sinn des zum Teil mikrokosmischen Geschehens erscheint in myinischen Urphänomenen: Rhea und Kronos, Orpheus, Oberon, Prospero, Artus, Merlin und Viviane, Titurel und Parzival, Ophelia und Kleopatra ... Auch Namen des sogenannten Bildungswissens (zum Beispiel Paracelsus) nimmt Lehmann ins Gedicht herein, aus dem richtigen Empfinden, daß echte Bildung ins Mythische reicht.

Das „offenbare Geheimnis“ der Welt ist in diesen Gedichten mythisch, ein Geschehen der Götter, auch wenn die Namen nicht genannt werden: