Einer unserer größten Denker, der "Alte von Königsberg", Inimanuel Kant, hat aus der Tiefe des deutschen Lebensbewußtseins eine für die ganze Welt güllige Maxime des rechtsstaatlichen Zusammenlebens und einer sittlich gebundenen Gesellschaft geboren, den "Kategorischen Imperativ". Er hat in ihm ein moralisches Gesetz entdeckt, das aus dem Innern des Menschen wirkt und ebensowenig ungestraft verletzt werden kann wie andere Gesetze der Natur, von der wir ein Teil sind. Die Verleugnung dieses Gesetzes muß zum Verfall der menschlichen Gesellschaft und ihrer staatlichen Gebilde führen. Das war zu einer Zeit, als sich die europäische Gesellschaft am Ende des Feudalzeitalters befand und dasWetterleuchten der Französischen Revolution und des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ein neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte anzeigte. Der "Kategorische Imperativ" wurde für das bürgerliche Dasein ein alltäglicher, fast trivialer Begriff. Er bildete das ethische Fundament für die bürgerliche Pflichterfüllung, sei es im Beruf, sei es im Verhältnis zwischen Regierung und Regierten, oder im Einsatz der Person für die Nation. Es ist aus dem deutschen Denken und Fühlen, trotz aller Erschütterungen der letzten 150 Jahre, nicht hinwegzudenken und begründet mit die Tüchtigkeit der Deutschen, in allen ihren Berufen ihre freudige Pflichterfüllung und die Hingabe, mit der sie, wenn auch manchmal irregeführt, den Schicksalskampf für ihr Land ausgefochten haben.

Indessen ist die Technik — und mit ihr die Formen der Geld- und Güterwirtschaft — in einem Maße fortgeschritten, daß sie den modernen Menschen in seinen eigenen Erfindungen, Plänen und Bestrebungen gefangen und der dämonischen Eigengesetzlichkeit dieser Kräfte überantwortet hat. Wir alle kennen aus den beiden großen Kriegen, aus der Weltwirtschaftskrise und den folgenden politischen Umwälzungen die Ohnmacht, die der anonymen Wirkung dieser mechanischen Gewalten entspringt. Den vorübergehenden Glauben, daß gewisse politische oder soziale Systeme der Dinge Herr werden könnten, und den Whn, daß einzelne zu Führern berufene Persönlichkeiten Heilmittel da- , gegen in der Hand hätten, haben wir eingebüßt. Weder glaubt der deutsche Arbeiter im Ernst noch an das Paradies des Sozialismus, geschweige denn an die Erlösung durch den Kommunismus, noch traut der Bürgerliche den Heilsideen des kapitalistischen Perfektionismus, wie sie heute von den USA in der ganzen Welt verbreitet werden. Die große Masse der. Menschen ist es müde, eine Antwort auf die Probleme der Zeit zu suchen; sie beschränkt sich auf die Sicherung eines erträglichen Alltagsdaseins und wartet ab. Die tiefe Unsicherheit über den Sinn und den Zweck des Daseins läßt sich aber nicht unterdrücken. Im Unterbewußtsein bleibt eine Lebensangst, die sich in allen Schichten der Bevölkerung v äußert, sei es, daß man sie in Genüssen ertränkt, sei es, daß man sich mit rastloser Arbeit betäubt, oder daß man sehr empfindlich auf Ereignisse reagiert, wie politische Krisen, lokale Fehden oder wirtschaftliche Konjunkturbewegungen. Wenige Menschen sind so gesund geblieben, daß sie sich davon nicht anfechten lassen.

Diese Atmosphäre der Illusionslosigkeit, der Glaubensschwäehe und persönlichen Labilität stellt eine ungeheure Gefahr dar, weil sie entschlossenen, bedenkenlosen und dämonischen Naturen die Chance zu Wirkungen verschafft, die in einem gefestigten Gesellschafts- und Staatsleben nicht möglich wären.

Gesundung aus eigenem Wesen Gleichgültig nun, wie die übrig Welt mit diesen Zeiterscheinungen fertig wird, müssen wir in Deutschland nach einer Gesundung MS unserem eigenen Wesen suchen. Hier bietet sich die Erinnerung an Kants- tiefgründige Erkenntnis vom sittlichen Wesen des Menschen dar. Sem "Kategorischer Imperativ", der über 100 Jahre das gesellschaftliche und staatliche Zusammenleben der Deutschen geformt hat, muß auch das soziale Problem unseres, technisch wirtschaftüchen Zeitalters durchdringen und unser zerstörtes gesellschaftliches Verhältnis von innen heraus neu formen. Um das deutlich zu machen, habe ich es gewagt, den Begriff des "kategorischen Imperativs" auf unser soziales Zusammenleben erneut etwas trivial anzuwenden und von einem "sozialen Imperativ" zu sprechen.

Es macht das Wesen eines sittlichen Gesetzes aus, daß es keine einmalige Lösung in Form eines Systems oder einer Ideologie zuläßt, sondern daß es in unendlichen individuellen Formen zur Wirkung gelangt, ob wir wollen oder nicht. Entscheidend aber ist, daß wir wollen! Hier gilt Schillers Wort, daß der freie Wille darin besteht, das Notwendige zu wollen. Solange wir das nicht begreifen und uns den Irrtümern irgendwelcher Heilslehren hingeben, werden wir nicht die Kraft finden, aus uns heraus die den Menschen entthronenden Natur- und Wirtschaftsgesetze zu meistern. Wenn wir uns aber bewußt werden, daß es eine Kraft in unserem Innern gibt, die den Gesetzen der Natur gewachsen ist, weil sie ebenso göttlichen Ursprungs ist, wird uns der Glaube zurückkehren, daß wir keinem Fatum ausgeliefert sind, sondern daß es bei uns selbst liegt, unsere soziale Lage zu meistern. tsein muß wach werden Ein neues Leben.

Von dieser Vorstellung aus möchte ich an einige der großen Tagesprobleme herangehen, die uns alle ununterbrochen beschäftigen, und möchte versuchen, einen neuen und festen Standpunkt zu gewinnen. Die soziale Frage bewegt uns auf verschiedenen Ebenen: einmal auf derjenigen des Betriebes, zum anderen auf derjenigen der großen Organisationen, hier besonders Unternehmer verbänden und Gewerkschaften, und schließlich auf der Ebene der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Ich beginne mit dem Betrieb. Es gilt jedem verantwortlichen Kaufmann als eine Selbstverständlichkeit, daß er sein Handeln darauf abstellen muß, den Betrieb rentabel zu gestalten, d h zu verdienen. Wirtschaften bedeutet ein Wagnis. Geld wird angelegt mit dem Ziele, etwas zu unternehmen, zu kaufen und zu verkaufen, das angelegte Vermögen zu vermehren, mindestens aber unter widrigen Umständen zu erhalten, auch wenn einmal vorübergehende Verluste eintreten. Der Wirtschaftende ist durchaus nicht frei in seinem Handeln, sondern er hat sich nach unzähligen Umständen zu richten. Er ist auch nicht frei in seinem Streben nach Gewinn, sondern er muß verdienen, wenn er über Wasser bleiben und nicht mit den in seinem Betriebe tätigen Menschen wirtschaftlich untergehen will. Ebenso selbstverständlich ist es für den Techniker, daß er ständig an einer Verbesserung der Arbeitsmethoden, an der Entwicklung neuer Produkte, an der Rationalisierung seiner Maschinen und Einrichtungen arbeiten muß, um im Wett