Das neueste Beispiel für die gewerkschaftliche Linie in der Wirtschaftspolitik liefert, neben der Forderung, die 40-Stunden-Woche bei gleichen (Wochen-)Löhnen einzuführen und im Bergbau zur 7 1/2-Stundenschicht überzugehen, die Stellungnahme zur Rationalisierung. Sie hat ihre Vorgeschichte. Noch 1948 wollte der Gewerkschaftsbund die Rationalisierung "verbieten", weil sie zur Minderbeschäftigung führen müsse... Dann, anderthalb Jahre später, stand man beim DGB durchaus positiv zur Rationalisierung – wenn auch sehr skeptisch zu Investitionen, die über die Selbstfinanzierung ermöglicht wurden, nach dem Motto: "alles, was an Investitionen geschaffen wird ohne zentrale Planung und Lenkung, führt zu Fehlinvestitionen." Jetzt, nach Verkündung des productivity drive, hat der Gewerkschaftsbund fünf "unerläßliche Forderungen" aufgestellt, von deren Erfüllung er es abhängig machen will, ob er an dem Gemeinschaftsprogramm mitarbeiten will.

Punkt eins: die Mehrerträge sind zu Lohn- und Gehaltserhöhungen und Preissenkungen sowie zu ("volkswirtschaftlich notwendigen") Investitionen zu verwenden. – Diese Forderung rennt offene Türen ein. Wohin sonst (außer in höhere Steuerleistungen, und in die Verzinsung des aufgewandten Fremdkapitals) sollten die Mehrerträge wohl noch fließen können? Der Pferdefuß: die Aufteilung der Mehrerträge soll "durch Vereinbarung der Tarif Vertragsparteien" geschehen: also Mitbestimmung auch hier; nur wird es schwierig sein, genau zu ermitteln, welche "Mehrerträge" jeweils auf Rationalisierungs-Aufwendungen beruhen – und wie ist es mit ihrer Verrechnung auf "Mindererträge", etwa aus verschlechterter Marktlage und höheren Aufwendungen, wenn Roh- und Hilfsmateriajien, Energie- und Transportkosten steigen? Da ist nun der letzte Punkt wichtig.

Punkt fünf lautet nämlich:

"Zur einwandfreien Feststellung von Kosten, Erträgen und Betriebsgewinnen haben die Unternehmungen alle erforderlichen Geschäftsunterlagen ... den TarifVertragsparteien vorzulegen."

Das ist eindeutig: die Gewerkschaften wollen durch diese Hintertür zur Mitbestimmung kommen. – Die übrigen drei Punkte sind minder wichtig. Sie betreffen die Bildung eines Enquete-Ausschusses, der "alle Möglichkeiten der Rationalisierung und (!) Produktivitätssteigerung" – was ja wohl dasselbe ist! – "in volkswirtschaftlicher und betrieblicher Hinsicht zu untersuchen hat"; sie betreffen weiter: Typeneinschränkung, Betriebsvergleich und Erfahrungsaustausch.

In diesem Zusammenhang ist noch zu erwähnen, daß die Gewerkschaften (speziell ist dies von der Industriegewerkschaft Metall bekannt) sich an die Betriebsratsvorsitzenden wenden, und sie auffordern, Material über Steuerhinterziehungen zusammenzutragen, oder: "ein geeignetes Belegschaftsmitglied zu benennen, das dazu bereit ist". Die Metall-Gewerkschaft hat angekündigt, daß "besondere Schulungslehrgänge eingerichtet werden sollen, um den für diese Aufgaben vorgesehenen ‚Mitarbeitern‘ in den Betrieben die erforderlichen Kenntnisse zu vermitteln". – Nun ist die Steuerhinterziehung gewiß kein entschuldbares Delikt. Ihre Bekämpfung aber durch Vigilanten und Denunzianten, die von den Gewerkschaften für diese Dienste geworben und geschult, von den Finanzämtern bei erfolgreicher "Mitarbeit" entsprechend belohnt werden, ist wohl kaum eine geeignete Methode, um (wie es in dem oben zitierten Manuskript zum Thema Mitbestimmung heißt) "das menschliche Moment" in jedes betriebliche Ober- und Unterordnungsverhältnis hinein-zu-tragen. Erwin Topf