Im Wall Street Journal beklagte sich dieser Tage der amerikanische Journalist Edwin Hartrich, daß die Ruhr-Industriellen und ihre Arbeiter den Plänen, dieses „einstige Arsenal“ wieder in der Waffenproduktion einzusetzen, mit großer Reserve begegnen. „Gewiß könnten wir Waffen produzieren“, sagte ein führender Industrieller zu dem Amerikaner, „aber warum sollten wir es tun?“ Diese Haltung habe beunruhigende Aspekte für die USA, meint Hartrich, denn Amerika allein könne nicht sich selbst und seine Alliierten auf der ganzen Welt ausrüsten, und man müsse daher darauf rechnen, daß die Ruhr, die immer noch die mächtigste Industriemaschine in Westeuropa sei, bei der Produktion von Waffen und Ausrüstung für die wachsenden Verteidigungsstreitkräfte Europas und für die erhofften zwölf deutschen Divisionen eine Hauptrolle spiele.

Hartrich ist nicht so einseitig, in diesem Zögern der deutschen Industriellen einfach den Ausdruck von Defätismus und Neutralismus zu sehen, sondern er weiß und bringt zum Ausdruck, daß diese Haltung der Deutschen gute Gründe hat, für deren Durchschlagskraft zum Teil die Amerikaner selbst gesorgt haben. Ein Fabrikdirektor wies durch das Fenster seines Büros auf das Trümmerpanorama von Duisburg und sagte: „Ist diese Art von Szenerie ein Anreiz für uns, wieder mit der Kanonenproduktion zu beginnen?“ Hartrich hat dafür Verständnis und ebenso für die Überlegungen, die sich einfach aus der Nähe der sowjetischen Aufmarschbasen ergeben. Er versteht aber auch die Wirkung der Nürnberger Vergeltungsprozesse auf die psychologische Seite des deutschen Rüstungsproblems einzuschätzen. Gerade deshalb sollte sein Artikel in Amerika genau gelesen werden. Man macht sich in Washington offenbar bis heute noch nicht in genügendem Maße klar, wie gerade die Frage der sogenannten Kriegsverbrecher die Entwicklung zu einem echten Bildnis und zu einer echten freundschaftlichen ammenarbeit belastet.

Im Kriege sind deutsche Städte und deutsche Industriebetriebe zerbombt worden. Gleich nach dem Kriege begannen die Alliierten mit der Demontage des verbliebenen Restes. Viele deutsche Industrielle wurden verhaftet, durch die Konzentrations- und Vernehmungslager geschleppt, ein Teil von ihnen wurde zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Sie wurden dafür bestraft, daß sie die Rüstungsaufträge ihrer Regierung ausgeführt, also genau dasselbe gemacht hatten, was die Industriellen aller anderen am Kriege beteiligten Länder getan hatten und jetzt, seit die Aufrüstung des Westens in Gang gekommen ist, wieder tun. Und während sie sich vor den amerikanischen Gerichten, deren Zuständigkeit und deren Methoden der „Rechtsfindung“ bis heute kein Deutscher anerkennen kann, gegen die auf Grund nachträglich gemachter Gesetze erhobenen Anklagen verteidigten, waren ihre Unternehmungen die Objekte des Tatendurstes der Dekartelliseure. Die zur Verzierung dieses Vorganges erdachte Propaganda, daß nämlich die deutschen Industriellen, um ihre Umsätze zu erhöhen und mehr Geld zu verdienen, den Krieg gewollt und arrangiert hätten, war allzu primitiv, als daß sie eine Rechtfertigung sein könnte.

Es soll jetzt aber nicht von den moralischen Implikationen gesprochen werden, so wichtig sie sind, sondern von den psychologischen. Da liegt die Sache so: Die Zerstörungen des Luftkrieges und auch die Demontagen sind abgeschlossene Tatbestände der Vergangenheit, mit ihnen kann und muß man sich abfinden, wenn man einen neuen Anfang der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Westen will. Was erledigt ist und in der Vergangenheit liegt, das muß man eines Tages ruhen lassen, sonst ist eine Versöhnung nicht möglich, man muß es auf beiden Seiten ruhen lassen. Hieraus braucht keine Belastung zukünftiger Zusammenarbeit mehr zu resultieren. Die Frage der sogenannten Kriegsverbrecher dagegen ist nicht abgeschlossen, sie gehört nicht der Vergangenheit an. Viele Hunderte von Deutschen, die die Alliierten als Kriegsverbrecher bezeichnen, befinden sich noch in Deutschland und im Ausland in den Gefängnissen. Hier kann man nicht sagen: Strich drunter und Schwamm drüber. Mit dieser Frage wird eine psychologische Last weitergeschleppt, die sich auf allen Gebieten, ganz besonders auf dem der Remilitarisierung, auswirken muß, ob es sich nun um das Heer oder um die Rüstungsindustrie der Zukunft handelt. Unter den betroffenen Personen mögen solche sein, die auch nach dem deutschen Strafgesetz die Bezeichnung „Verbrecher“ verdienen. Doch haben die Amerikaner durch die in Nürnberg angewandten Methoden und durch die beharrliche Weigerung, die Urteile durch ordentliche deutsche Gerichte überprüfen zu lassen, dafür gesorgt, daß jeder von ihnen als Kriegsverbrecher bezeichnete Deutsche in der öffentlichen Meinung ipso facto als unschuldig gilt. Dies, und nicht die juristische Lage im einzelnen Fall, ist für die psychologische Belastung entscheidend, der die deutsch-alliierten Beziehungen ausgesetzt sind und ausgesetzt bleiben: denn der Unterschied zwischen Unrecht, das in der Vergangenheit abgeschlossen ist, und Unrecht, das fortdauert, ist sehr groß – fortdauerndes Unrecht verjährt nämlich nicht. Gegen dieses fortdauernde Unrecht kann auch nicht Unrecht aufgerechnet werden, das „die Deutschen“ – wenn man schon die Diktion der Kollektivschuld-Apostel gebrauchen will – in der Vergangenheit verübt haben mögen.

Ähnliches wie von der Kriegsverbrecher-Frage gilt von der Dekartellisierung, da sie fortdauert. Sie ist ein Wirtschafts- und kein moralisches Problem, daher fällt es uns nicht ein, ihr das gleiche Gewicht beizulegen. Wie eng aber der Zusammenhang ist, kann man daraus sehen, daß jetzt, also einige Tage vor der Unterzeichnung des Generalvertrages, die Dekartellisierungs-Spezialisten von verschiedenen deutschen Industriellen, die seinerzeit unter den dubiosen Bedingungen der Nürnberger Prozesse als „Kriegsverbrecher“ verurteilt worden waren, Erklärungen fordern, worin diese für zehn Jahre darauf verzichten sollen, sich in ihrer Branche – also zum Beispiel in Kohle und Stahl oder in der Chemie – zu betätigen. Im Falle der Weigerung wird mit der Einleitung weiterer Dekartellisierungs-Maßnahmen gedroht, Hier sieht man deutlich die Tendenz, die Belastungen der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu verstärken und ihre Dauer zu verlängern.

Soll der von Mr. Hartrich beklagte Mangel an Interesse der Ruhr für das Verteidigungsprogramm auf diese Weise behoben werden? Sollen die Industriellen, die durch Demontagen und Nürnberger Urteile zweifach bestraft warden, weil sie getan haben, was man sich eben anschickt, wieder von ihnen zu verlangen, jetzt noch ein drittes Mal durch eine verschärfte Dekartellisierung bestraft werden? Der verlangte Verzicht ist wirtschaftlich sinnlos, politisch zweckwidrig und, als Drohung mit Gewalt, moralisch fragwürdig. Cui bono? Wer, außer Stalin und Pieck, ist an der Erschwerung der deutsch-alliierten Beziehungen interessiert?

W. Fredericia