Wolfgang Grözinger: Kinder kritzeln–zeichnen–malen. Prestel Verlag, München, Leinen, 9,80 DM.)

Ausstellungen von Kinderzeichnungen gehören zum Repertoire der modernen Museen und der Schulen. Es gibt Tagungen und Kongresse, Arbeitsgemeinschaften und Zirkel, Bücher, Mappenwerke und Aufsätze, die das „schöpferische Kind“ verherrlichen und seine Produktionen nach verschiedenen weltanschaulichen und ästhetischen „Richtungen“ und „Meinungen“ einordnen. Die Deutungen des Naturphänomens „Kinderzeichnung“ sind so mannigfaltig, daß man schon daraus die ästhetische Verwirrung unserer Epoche, ihre bildnerische Unsicherheit ablesen kann. Vor lauter Für und Wider vergißt man die Beantwortung der Frage: „Welche Phänomene sind beim normalen zeichnenden und malenden Kind zu beobachten? Was nützt, was schadet seiner bildnerischen Entwicklung?“

Die Antwort auf diese Frage gibt Wolf gang Grözinger. Er nimmt endlich einmal ganz sachlich, ganz nüchtern (ohne jede weltanschauliche, ästhetische oder kunsttheoretische Voreingenommenheit) Stellung. Er beschäftigt sich vorwiegend mit den Frühformen der Kinderzeichnung, weil hier der Grund gelegt wird zu einer reinen Entfaltung der Bildkräfte oder zu ihrer völligen Zerstörung. Er entziffert sie als „Körperschaft“, als „Mitteilungen“ des kindlichen Lebens und Raumgefühls vom „Motorischen“ her und zieht daraus die Folgerungen für die späteren Phasen der Entwicklung. Die Antwort am Ende seiner gewissenhaften Untersuchungen lautet: „Das Ziel der scheinbar künstlerischen Entwicklung des Kindes ist nicht die Kunst, sondern die Wirklichkeit. Auf jeder Stufe seines Zeichnens und Malens, die ‚Kritzelstufe‘ ausgenommen, ist das Kind Realist und meint die Welt zu treffen, eine Welt freilich, in der ihm zunächst auch die Gestalten seiner Phantasie Wirklichkeit bedeuten.“

Wer das Buch von Wolfgang Grözinger aufgenommen hat, sieht klar „das Wunder“ des zeichnenden und malenden Kindes, seine ständige Gefährdung, die Tragödie seiner Beeinflussung. Er erkennt die Aufgabe, die der Erziehung gestellt ist: bildnerische Erziehung des Kindes, vom Beginn der Schule an, ist unentbehrlich, weil der natürliche Ablauf der Entwicklung des Kindes von außen her, durch die Ansprüche der Erwachsenen, durch Bilderbuch und Spielzeug, durch die sensationelle Bildumwelt immerfort gestört wird. „Der bildnerische Gestaltungsdrang des Kindes ist auf echte Gelegenheiten angewiesen, die ihm geboten werden müssen“, auf Gelegenheiten, die es ihm ermöglichen, mit seinen Produktionen nicht irgendwelche „Richtungen“, nicht irgendwelche kunstgewerbliche Ziele und Absichten zu „illustrieren“, sondern sich zu einem Menschen zu entwickeln, dessen eingeborenes „Organ für die Kunst“ nicht durch Vorurteile und Voreingenommenheit verbaut werden darf. Hans-Friedrich Geist.