Weil der Maitag so schön ist, denke ich an Paul Poiret. Es war ein Tag wie heute, als ich ihn zum letztenmal sah. Er lehnte an der steinernen Brüstung, ließ sich von der Sonne bescheinen und rauchte seine Pfeife dazu. Die Stadt war unter der Frühlingswärme lebhaft geworden. Wie ausgebrütet liefen die Menschen umher, auf dem Fluß fuhren Ruderboote. Aber der alte Mann sah nichts. Sein Gesicht, das ganz von einem kurzen grauen Bart umrahmt war, regte sich mit keinem Zuge. Es war ein schönes, herrisches Gesicht, dessen Augen ins Leere gingen. Die schwere Gestalt war wie versteinert und in eine abweisende Traurigkeit eingehüllt. Aus seiner kurzen Pfeife, deren Stiel geflickt war, stiegen feine Wölkchen und trieben langsam im Blau der stillen Luft dahin.

Paul Poiret war einst ein großer Mann gewesen. Er hatte den siegreichen Zug der Pariser Modekönige eröffnet und, wie er sagte, „sein Zeitalter angekleidet“. Ein wundervolles Palais unter den Kastanienbäumen des Rond-Point hatte ihm gehört, und die Welt hatte ihm zu Füßen gelegen. Seit Poiret sprach man von den Modeschöpfern, wie man einst von den großen Baumeistern geredet hatte. Wortkarg, fast verächtlich hatte er Gesetze diktiert, die weit über Farbe und Form von Kleidern hinausgingen. Die Zeit unterwarf sich ihm, obwohl schon Kräfte am Werk waren, die behaupteten, daß die Zeit Wichtigeres zu tun habe, als Frauen anzuziehen. Er verdiente viel Geld, verschwendete es wieder und verdiente es aufs neue. Nichts, so schien es, konnte der zum Monument erhobenen Hinfälligkeit seines Werkes etwas anhaben.

Niemand vermag heute zu sagen, warum plötzlich alles vorbei war. Eines Morgens war Paul Poiret ein verlassener Mann. Man wollte seine Kleider nicht mehr. Jüngere Leute, wie Jean Patou, nahmen seinen Platz ein. Er widerstrebte kaum, hochmütig schweigend räumte er sein Palais und trat in die Armut zurück. Es ging ihm schlecht, einige Freunde aus guten Tagen wollten ihm helfen, Colette rief die öffentlichkeit auf, aber Poiret wehrte ab. Ein Wirt am Quai de Bourbon räumte ihm einen täglichen Freitisch ein, es war der einzige Dienst, den er annahm. Wenn er dort seine Mahlzeit eingenommen hatte, stand er noch eine Weile am Quai und rauchte, ehe er sich mit langsamen Schritten im Gewühl der großen Stadt verlor. Wo er wohnte, wußte niemand genau.

An jenem sonnigen Tag sah ich ihn plötzlich vor mir stehen. Gern wäre ich ihm ausgewichen, weil seine trauervolle Versunkenheit fast Ehrfurcht einflößte. Aber er faßte mich ins Auge, und so begrüßten wir uns. Mir war sehr befangen zumute, so daß unser Gespräch nicht recht vom Fleck kam. Menschen eilten yorbei, Kinder spielten lärmend an der Uferböschung. Er trug eine Nelke im Knopfloch seines abgetragenen Anzuges. Nun zog er sie heraus und begann, sie langsam zu zerpflücken. Während die roten Blätter eines nach dem anderen zu Boden fielen, begann er zu sprechen. So leise sprach er, daß ich nahe an ihn herantreten mußte. Er sprach von früher.

„Ich weiß genau“, sagte er „wann mein Glück sich abwandte. Ich weiß es auf die Stunde genau. Mir war klar, daß ich mein Leben mit einem Satz zerstörte. Trotzdem sprach ich ihn zu Ende. Eigentlich wollte ich das sagen, was ich mir vorgenommen hatte, dann kam plötzlich das schlechte Gewissen über mich und nahm mir den Mut, das Wörtchen ‚Ich‘ auszusprechen. Statt dessen sagte ich ‚Wir‘, statt dessen sagte ich ‚die Zeit‘. Ich verleugnete die Quelle meiner Produktivität und wurde im Glauben an mein Recht wankend, von meiner Person und nur von ihr zu reden. Jäh glaubte ich mich gezwungen, den Strömungen, die auf die Masse Rücksicht nehmen, meinen Tribut zu entrichten. Meine Kraft verließ mich.“

Ich sah den alten Mann verwirrt an. Wovon sprach er eigentlich? Wessen klagte er sich an? Seine Worte verrieten, daß er noch nicht müde geworden war, über das Scheitern eines Lebens nachzudenken, das ganz im Dienst der Schönheit gestanden hatte. Vielleicht plagte er sich mit der Zeit herum, die für so vieles verantwortlich gemacht wird, was der Mensch nicht selbst auf sich nehmen will. Aber nein, er meinte sich und ein Wort, das er nicht mehr auszusprechen gewagt hatte, das Wort: Ich. Sein Blick folgte ausdruckslos einem Wölkchen, das seiner Pfeife entschwebte.

„Sie verstehen mich nicht“, nahm er den Faden wieder auf, „daher will ich Ihnen genau erklären, was geschah. Ich hatte eine glänzende Gesellschaft zur Eröffnung meiner Winterkollektion eingeladen. Mit Stolz denke ich an die Kleider zurück, die ich zeigte. Sie waren mit unbeirrbarer Sicherheit entworfen und stellten das Äußerste an Anmut und Eleganz dar, was damals möglich war. Mit Absicht wähle ich den Ausdruck Unbeirrbarkeit, denn es war nicht leicht mehr, diesem Stil treu zu bleiben. Das Raunen des Versuchers, der mich in meinen einsamen Stunden zu fragen versuchte, wozu diese ganze Bemühung eigentlich noch dienen solle, hatte ich nicht aufkommen lassen. In einem Rausch von Farben und Bewegung wandelten die Gebilde meiner Träume über das Podium. Die Zuschauer verhielten sich musterhaft, es war ein Minister unter ihnen, mehrere Botschafter, einige Schriftsteller und natürlich viele Frauen. Sie alle sahen andächtig zu. Schließlich wurde ich aufgefordert, ein abschließendes Wort zu sprechen. Ausführlich erklärte ich, was ich gewollt hatte und welche Rolle ich diesen Kleidern in unserem öffentlichen Leben zugedacht hatte. Ich will nicht grade sagen, daß ich übermütig war, aber herausfordernd sprach ich bestimmt. Mein Blick ging über die lauschenden Gesichter hin. Waren sie aufmerksam? Das waren sie, aber der Minister schien plötzlich abgelenkt, auch in anderen Zügen las ich schwach aufkommende Nebengedanken. Am Abend vorher hatte die Belegschaft von Renault auf der Rue de Rivoli demonstriert, fast zur gleichen Zeit hatte der alte Cachin mit seinem wütenden Schnauzbart in der Kammer eine drohende Rede gehalten. Noch vieles andere war in den letzten Wochen vor sich gegangen ...“