Traugott v. Stackelberg: Geliebtes Sibirien (Verlag Günther Neske, Pfullingen, 416 S., Leinen, 16,80 DM).

Walter Schubart: Europa und die Seele des Ostens (Verlag Günther Neske, Pfullingen, 352 S., Leinen, 15,80 DM).

Mit den westlichen Maßstäben läßt sich Wesen und Verhalten der östlichen Völker nicht erfassen (übrigens ebensowenig das westliche Geschehen – aber das hat sich noch nicht überall herumgesprochen). Man findet den Zugang zum Osten auf rechte (d. h. sich selbst zugleich bewahrende) Weise nur, indem man sich nach Goethes Methode „von den Phänomenen belehren läßt“. Ohne vorzuurteilen, aufmerksam fühlend anschauen. Alles das ist ja für den Westler von heute schwierig; seine Fähigkeit zu echter Aufmerksamkeit ist fast zerstört, seine Fähigkeit zu echtem Fühlen ist verroht oder sentimentalisiert. Immerhin sind der kleinen Schar Schaukräftiger (Goethe sprach von „anschauender Urteilskraft“ als dem eigentlich menschlichen Instrument) heute die Hilfsmittel gegeben, um sich Wege zu einem Weltbild zu bannen, das sie befähigt, aus dem Chaos zu künftiger Harmonie hin einzeln im Konkreten mitzutun. Zum Herzstück des Fernen Ostens bieten die Bücher von Eidlitz und H. H. von Veltheim-Ostrau Anschauungswege. Zum uns brennend nächsten Osten außer etlichen Kriegsgefangenen-Tagebüchern die Bücher von Stackelberg und Schubart.

Der Balte Stackelberg, heute als Arzt und Maler im Hegau lebend, gibt eine farbige und vollständige Tafel der Phänomene geographischleiblich-geistiger Art, die den Kosmos Rußland ausmachen. Mit dem genauen und farbstarken Sehen des Naturwissenschaftlers und Künstlers schildert er in einfacher Abfolge, was er als junger Mensch sah: vom baltischen Norden zum kaukasischen Süden und zum sibirischen Osten. Stackelberg lebte nach dem ersten Weltkrieg in Sibirien verbannt, aber frei mit den Fischer- und Jägerstämmen in der riesigen Urlandschaft, erntend, dreschend und feiernd, oder in den Städten, in denen ein neuer Stil entstand aus der Begegnung der eingeborenen Naturen mit den westlichen Verbannten, die ihre Möbel, Bücher und Sensibilitäten mitbrachten. Die Gesetze, nach denen diese Welt sich zur Reife des historischen Bewußtseins durchlebt, sind nur aus der Anschauung ahnungsvoll ableitbar.

In dieses riesige Sammelbecken Sibirien ist 1941 auch Walter Schubart eingemündet, für uns verschollen; er wurde deportiert von Riga, wohin der Thüringer Jurist 1933 emigrierte und hier Philosophieprofessor wurde, mit einer Russin verheiratet. Sein Buch erschien im Krieg in der Schweiz, erst jetzt auch bei uns. Es ist stark emotionell, in seinen Urteilen nicht immer maßvoll, aber ungeheuer anregend und genialisch. Er versucht eine Rhythmik der Geschichte nachzuweisen, die in der Ablösung der Aufgabenträgerschaft den russischen Osten uns nachfolgend sieht: und zwar im tiefsten deshalb, weil der Osten die Kraft der Christlichkeit in seiner menschlichen Natur wieder stärker hat als der Westen, der sich in Dürre und Verrat verrannt und verschlackt hat. Die „faustisch-prometheisdhen“ Tendenzen Europas, vor allem Deutschlands, beleuchtet Schubart mit einer Schärfe, die an der historischen Notwendigkeit aller Einseitigkeiten vorbeisieht; der griechische Mythus war da umfangreicher und konnte Prometheus zugleich verdammen und erlösen. Aber, auch diese Schubartsche Einseitigkeit hat ihre zeugerische Bedeutung. Sie läßt das „brutale Sachmenschentum“, die „gefrorene Seele“, die Gefahren, in die der Deutsche sich verloren hat, aufleuchten, und nennt ihn „den am wenigsten christlichen Teil des Abendlandes“. Nach einem Panorama der europäischen Völker läßt er den aus dem Herzimpuls lebenden Menschen des nichttatarischen Ostens aus so vielen Einzelzügen plastisch werden, daß diese der bolschewistischen Dressurepoche zugrunde liegende Menschensubstanz zur Möglichkeit einer schöpferischen Fortführung des nur angefangenen Christentums durchaus angelegt scheint. Die Erweiterung unseres engen selbstbesessenen Blickfeldes auf geographische Raum- und historische Zeitdimensionen ist der Gewinn dieser an konkreten Beispielen und Belegen reichen Bücher. Ortrud Stumpfe.