Vor dem ersten Weltkrieg gab es eine nette Geschichte über die soziale Frage. Als diese Frage ihre Wogen auch in das kleine Fürstentum Bückeburg warf, versammelte der Fürst seine Minister, um die soziale Frage endgültig zu lösen. Als die Diskussionen um Mitternacht noch kein Ergebnis gebracht hatten, schlug er mit der Faust auf den Tisch und erklärte: „Und wenn ich die ganze Nacht aufsitze, wir werden die soziale Frage lösen.“

Seitdem losen wir ständig die soziale Frage, und zwar nicht viel einsichtiger als der Fürst von Bückeburg. In Wirklichkeit gibt es keine Lösung dieser Frage insgesamt, ebensowenig wie die Frage der Technisierung oder der Betriebsrentabilität dauerhaft gelöst werden kann. Die Probleme stellen sich vielmehr jeden Tag neu und müssen in unzähligen Einzellösungen beantwortet werden. Sie stellen das Leben selbst dar. Das soziale Problem ist in unserer Vorstellung zu einer besonderen und scheinbar unlösbaren Frage geworden, weil seine Beantwortung hinter dem stürmischen Fortschritt der Technik und des kapitalistischen Wirtschaftens zurückblieb und sich deshalb wiederholt eruptiv und revolutionär entlud. Die Lehre von Karl Marx hätte niemals solche reale Gewalt gewonnen, sie hätte nie dem Machtstreben politischer Parteien und Organisationen eine so anziehende Verkleidung geliefert, wenn sie nicht den sozial Bedrängten als geeignete Waffe im Kampf gegen die Herrschaft der Technik und des Kapitals erschienen wäre und sie in ihrer Ohnmacht wie eine Heilsidee zur Wiederherstellung eines verlorenen Paradieses fasziniert hätte.

Ein Blick auf die heutige Welt zeigt, daß dort, wo die europäische Gesellschaft am rückständigsten blieb, nämlich in Rußland, die marxistische Lehre die Raserei einer blutigen Revolution hervortrieb und, nachdem sie sich als Kampfinstrument zur Erledigung der gesellschaftlichen Gegner verbraucht hatte, nur noch als ideologische Verbrämung einer neuen politischen Herrschaftsform angewandt wird. Aber als Waffe gegen die freien, konstitutionellen Gesellschaftsformen des Westens hat sie noch ihre alte Bedeutung. Dagegen hat die marxistische Lehre in England keine tiefere Wurzel und in Amerika überhaupt keine Wurzel gefaßt, weil in beiden Ländern rechtzeitig Wege beschritten wurden, um das aus der technischen und kapitalistischen Entwicklung erwachsende soziale Problem evolutionär zu lösen.

In Deutschland, der ideellen Heimat des Marxismus, hat sich eine seltsame Entwicklung vollzogen. Der Marxismus ist sozusagen politisch „hoffähig“ geworden. Die Idee hat sich in ihrer Essenz in dem stark theoretischen deutschen Geist erhalten, hat aber keine gewaltsame revolutionäre Kraft entfaltet, weil sowohl der Staat wie die Wirtschaft praktisch immer wieder nach sozialem Ausgleich gestrebt und ihn auch in den vielfältigsten Formen: der sozialen Versicherung, des Arbeitsschutzes und des Betriebsrechtes, gefunden haben. Der Kampf um das Mitbestimmungsrecht (vom marxistischen Blickpunkt), aber auch die praktische Bemühung der Unternehmer um Betriebsfrieden und produktive Mitverantwortung (vom bürgerlichen Ideal her) stellen nur eine neue Phase dieser deutschen, mit der Entwicklung anderer Länder unvergleichbaren Entwicklung dar. bewerb mit anderen den höchsten Effekt von Qualität und Kosten zu erreichen, der es dem Kaufmann ermöglicht, sich im Markte zu behaupten. Die Vereinigung beider Zielsetzungen macht den Industriellen aus. Da die Arbeitskraft und die qualifizierte Leistung des Lohnarbeiters und des technischen und kaufmännischen Angestellten sich in Form von Kosten im Produkt niederschlägt, muß der Industrielle bestrebt sein, ein Höchstmaß an Leistung so billig wie möglich, mindestens aber nicht teurer als der Konkurrent, zu erhalten. Das klingt sehr rauh und bildet ja auch letzten Endes die Grundlage der gegen den Kapitalismus gerichteten marxistischen Soziallehre vom Mehrwert, den der Unternehmer aus jeder Arbeitsleistung herauszuziehen sucht. Trotzdem ist es eine Wahrheit, die nie zu verleugnen sein wird und die heute ebenso in dem staatskapitalistischen Rußland wie in den USA zutrifft. Diese Wahrheit ist indessen keineswegs so grausam wie die Tatsache, daß der Mensch, der die Arbeit leistet, dabei vergessen wird. Deshalb das Gefühl des Lohnarbeiters und Angestellten, zu einer Nummer des Betriebes geworden zu sein, Originales zu leisten, aber doch nicht mitzuhandeln. Ein Jahrhundert lang hat man sich bemüht, dem Druck dieser menschlichen Entrechtung durch gesetzliche Bestimmungen und durch Vereinbarungen zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern entgegenzutreten. Man hat dabei die Erfahrung gemacht, daß viele mühsam erkämpften Vorteile in der Beschränkung der Arbeitszeit, der sozialen Versicherung, des Urlaubs, des Kündigungsschutzes, der Lohn- und Gehaltshöhe durch die Steigerung der Lebenshaltungskosten wieder verlorengingen. Heute ist daher das Bewußtsein stärker dafür ausgeprägt, daß nur eine Verbesserung der Produktivität, d. h. der Leistungssteigerung aus besserer Organisation und besserer technischer Ausrüstung des Betriebes, den Lebensstandard aller erhöhen kann. Aber auch nur dann, wenn der Ertrag dieser steigenden Produktivität im richtigen Verhältnis auf den arbeitenden Menschen, auf neue Betriebsinvestitionen und auf den Gewinn als Anreiz zum unternehmerischen Wagnis verteilt wird. Damit ist aber nicht das Gefühl menschlicher Entrechtung und fataler Abhängigkeit vom Betrieb und seinem technisch-wirtschaftlichen System gebannt. Weder ein hoher Lebensstandard des einzelnen wird uns davon erlösen, wie wir das in Amerika sehen, noch eine Ersatzideologie, wie sie die Sowjets in das entleerte Dasein der Menschen hineinpumpen. Es muß vielmehr ein neues Lebensbewußtsein wach werden. Wir müssen davon ausgehen, daß unser aller Arbeit, unser Geist und unser Können als Kostenanteil in Waren eingeht, die wir selbst gerne in guter Qualität und zu niedrigem Preis erwerben und besitzen möchten. Aber wir dürfen nicht mehr daran vorbeigehen, daß unsere Beteiligung am Werden jedes Erzeugnisses eine menschliche ist, daß sie nicht nur einen materiellen, sondern auch einer? seelischen und sittlichen Inhalt hat.

Der Mitarbeiter als handelndes Subjekt

Der verantwortliche Unternehmer kann also nicht darauf verzichten, den Menschen an seiner Arbeit wirklich zu beteiligen. Er steht vor einer dritten Aufgabe neben seiner technischen und wirtschaftlichen Aufgabe, die einen ebenso ununterbrochenen Lebenskampf erfordert wie die beiden anderen. Diese Entwicklung ist bei uns in Deutschland heute in vollem Fluß, Man schlägt kaum eine Zeitung auf, ohne von dem „Menschen im Betriebe“ zu lesen. Institute und Vereinigungen sind gegründet worden, um Mittel und Wege dieser Beteiligung zu studieren. Man ist auch bereits wieder auf Abwege geraten und glaubt, daß eine bloße materielle Beteiligung am Gewinn, also im Grunde eine bloße Steigerung des Arbeitsertrages, das Problem zu lösen vermöchte. In Wirklichkeit ist dies nur eine von vielen Ermutigungen, die möglich, aber nicht in jedem Fall notwendig sind, um der im technischen Zeitalter verkümmerten sittlichen Kraft des Menschen wieder mehr Geltung zu verschaffen. Jeder Weg indessen, der zu einer Steigerung der menschlichen Verantwortung im Betriebe, zur Verwandlung des Menschen aus einem Objekt in ein Subjekt, zur Meisterung des Notwendigen durch den freien Willen gegangen wird, macht uns stärker und befreit uns von der fatalen, dumpfen Abhängigkeit von Ökonomischen und technischen Gesetzen. Soziale Hilfsmaßnahmen zur Überwindung besonderer Notstände oder zur Verbesserung des Betriebsklimas sind eine gute Sache, aber erst das Erwachen des Mitarbeiters zu dem Bewußtsein, ein handelndes Subjekt des Betriebes zu sein und die Pflicht als eine freie, selbstgewollte Leistung zu begreifen, leitet den Fortschritt zu einem neuen Dasein ein.

Wir wollen nun auf die Ebene der Interessen-Organisationen der Wirtschaft steigen, auf der sich dasselbe Bemühen zeigt, das im Betrieb angefangen hat, aber eher zu einer Verschärfung der Gegensätze als zu einer inneren Annäherung geführt hat. Nicht ohne Grund ist deshalb eine Kluft zwischen vielen tätigen Unternehmern und ihren Spitzenorganisationen entstanden, ebenso wie offenbar eine Kluft zwischen den arbeitenden Menschen und den Gewerkschaften entstanden ist. Beide Gruppen wissen, daß sie ihre Organisationen brauchen. Aber sie fühlen instinktiv, daß diese Organisationen nicht um das Wesentliche kämpfen, das sich im Betriebe selbst abspielt. Die Nähe von Mensch zu Mensch macht eben hier Entscheidendes aus. Wenn ich meinen Arbeiter und meinen Angestellten sehe und mit ihm rede, wird mir manches klarer, als wenn ich ihn mir nur als ein Individuum vorstelle. Und doch geht es bei der brennendsten Frage, die heute die großen Organisationen beschäftigt, im letzten Grunde um das gleiche Problem. Die Mitbestimmung, wie sie von den Gewerkschaften gefordert wird, hat ihren Ursprung in eben der Erkenntnis, die der Unternehmer auf der betrieblichen Ebene gewonnen hat, daß nämlich dem arbeitenden Menschen ein größerer Anteil am Handeln des Betriebes gewährt werden muß mit dem Ziele, seiner Arbeit einen größeren sittlichen Gehalt zu geben. Insoweit könnte der Mitbestimmung von Unternehmerseite zugestimmt werden, und sie könnte in der Richtung auf eine wachsende Mitverantwortung ausgebildet werden. Aber die Mitbestimmung hat in der Vorstellung der Gewerkschaftler auch noch eine andere Seite, die sich nur aus dem Fortbestehen der marxistischen Idee als einer Waffe im Kampf um die soziale Position erklären läßt. Die Gewerkschaften glauben noch nicht an einen fundamentalen Wandel in der Einstellung des Unternehmers zum Menschen im Betriebe und wollen, nach dem alten Rezept des marxistischen Sozialismus, durch eigene Machtstellung das erzwingen, was sich nur von innen heraus entwickeln läßt. Sie gefährden hierdurch aber gerade das Wachstum einer neuen sittlichen Grundlegung der Arbeit und laufen Gefahr, durch die Mitbestimmung in die Stellung von Mitarbeitgebern hineinzuwachsen, und in dieser Stellung genau so abhängig von den technischen und ökonomischen Daten zu werden, wie es der Unternehmer in der Vergangenheit gewesen ist. Die Unternehmerverbände wiederum sehen nur diese bedenkliche Seite der Mitbestimmung und erklären sie als einen Angriff auf das Eigentum, oder mit anderen Worten als einen Weg zur „kalten Sozialisierung“. In dieser Frontstellung haben sich beide Gruppen verhärtet und ihre Dialektik und Polemik gegeneinander verschärft, statt nach einer gemeinsamen Grundlage zu forschen und auf ihr, wie es im Betrieb geschieht, ihre Interessen, die doch letzten Endes dem gleichen Ziele zustreben, fruchtbar auszukämpfen. Es bleibt nur zu hoffen, daß das neue Bewußtsein, das in den Betrieben erwacht ist, von unten nach oben durchbricht, und daß es nicht von organisatorischen Machtkämpfen und von Polemik erdrückt und erstickt wird. Denn dann würden wir nur einer neuen Phase verständnisloser Auslieferung an die Eigengesetzlichkeit von Technik und Ökonomie zutreiben, die im sozialen und politischen Radikalismus endet, den Menschen aber als Objekten und Atomen dieser Entwicklung keinerlei Besserung brächte.