Den ganzen Tag über saß sie in dem großen Saal des Städtischen Meldeamtes und schrieb Karteikarten aus. Niemand kümmerte sich um sie, ausgenommen Hannes; aber Hannes war nur der Botenjunge, der die Neuigkeiten brachte und immer laufen mußte. Manchmal trat er an ihren kleinen Tisch und sagte: „Guten Tag, Fräulein Lindmüller!“

Morgens erschien sie pünktlich im Meldeamt, grüßte den Pförtner und fuhr mit dem Paternoster zum dritten Stock. Dort lag der große Saal. Sie trat ein, und während sie auf ihren Platz zuging, sagte sie: „Guten Morgen!“ Außer Herrn Kaisen und Frau Mickmann antwortete niemand darauf.

Ihre Arbeit begann sie mit dem Gedanken an das Frühstück. Ab zehn Uhr etwa hatte jeder im Saal das Recht, eine kurze Pause zu machen und ein paar mitgebrachte Schnitten zu verzehren. Ab zehn Uhr also spielte Fräulein Lindmüller das Aushaltespiel: wie lange sie es aushalte, noch nicht zum Frühstücksbrot zu greifen, obwohl sie es schon durfte. Manchmal hielt sie es fast zehn Minuten aus.

Wenn Fräulein Lindmüller nicht länger essen konnte, ohne einen allgemeinen Vorwurf heraufzubeschwören, begann sie wieder zu schreiben, im Gedanken an die Mittagspause. Nach der Mittagspause schrieb sie in Gedanken an Hannes, der bald kommen mußte, und wenn er gelächelt hatte, dachte sie an den Dienstschluß.

Als Fräulein Lindmüller eines Morgens in den Saal trat und „Guten Morgen!“ sagte, erwiderten alle, die bereits da waren, ihren Gruß, sogar Fräulein Eckboom, die sie sonst nie beachtet hatte. Fräulein Lindmüller blieb überrascht stehen. Herr Kaisen fragte sie, ob sie einen guten Weg gehabt habe.

Fräulein Lindmüller war vollständig verwirrt, aber sie wollte sich nichts merken lassen. Sie drehte den anderen den Rücken zu und bereitete mechanisch ihre Arbeit vor. Dabei spürte sie, wie ein seltenes Gefühl, eine wohlige Wärme, sie durchströmte: Sie war froh. Nur dadurch war es möglich, daß sie die Frühstückszeit völlig vergaß.

Auf einmal bemerkte sie, daß es schon ein Viertel nach zehn war. Sie sah sich um und sah, daß schon niemand mehr aß. Daraufhin nahm sie rasch ihr eigenes Päckchen heraus, um die Pause nachzuholen. Jetzt aber geschah etwas, was sie vollends verstörte: Im selben Augenblick nämlich, da sie zu frühstücken begann, erschienen auf allen Tischen die Butterbrote, und es war klar, daß auch die anderen noch nicht gefrühstückt hatten.