„Die Gewerkschaftsbewegung kann in dieser Situation nur siegen, wenn sie das Klassenkampfinteresse mit dem Allgemeininteresse identifiziert und ihre Politik für eine optimalere Organisierung des sozialen Körpers sich als notwendig erweist.“

Theo Pirker, in dem Aufsatz „Gewerkschaft als politische Organisation“, erschienen in den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“.

Das gibt ja wohl Anlaß zu einigem Nachdenken: also doch Klassenkampf! Auch im Stilistischen ist der zitierte Satz recht aufschlußreich. Wer von einem „sozialen Körper“ spricht, meint ja: wohl etwas Organisches. Im Wesen des Organischen liegt, daß es werden, wachsen, gedeihen kann – „organisieren“ aber läßt es sich eben nicht. Wer es dennoch, und sogar, das Optimum noch über-übertrumpfend, „optimaler“ organisieren will, verrät damit nur ein mechanistisches Denken, und enthüllt zugleich, wie sehr es ihm an Logik fehlt. Funktionär-Deutsch und Funktionär-Denken...

Als Beispiel für die „klassenkämpferischen“ Methoden, die bei dem Ringen um die Mitbestimmung eingesetzt worden sind, sei ein (schon vor längerer Zeit) in der „Washington Post“ erschienener „Spezialgericht“ der unabhängigen Politikerin und Mitbesitzerin dieser Zeitung, Mrs. Agnes F. Meyer, zitiert, die im Herbst 1950 (also schon „nach Korea“), einige Wochen in Deutschland war, und sich „die Verhältnisse in der deutschen Schwerindustrie vom Gesichtspunkt des Amerikaners aus angesehen hat“. Und was. hat sie da „gesehen“, was wurde ihr gezeigt? Man sollte annehmen: leere, von der Demontage betroffene Werkanlagen, gesprengte Fundamente, als die Denkmäler der Morgenthau-Ära, und zwar weniger augenfällig, aber nicht minder destruktiv: der „zerrissene Verbund“, wie ihn die decartellisation ihres Landsmannes Bowie allerorten hinterlassen hat, und die Kapazitätsbegrenzungen. Aber davon ist in der „Washington Post“ leider nicht die Rede; die Gewerkschaftsfunktionäre haben die Chance, ihrem amerikanischen Gast die Folgen der alliierten Kontroll- und Beratungstätigkeit an der Ruhr eindringlich zu demonstrieren, nicht genutzt. Dafür lesen wir dann: Das Arbeitgebertum der deutschen Schwerindustrie (verkörpert durch die „entflochtenen Gesellschaften“ und die Kohlenbergbauleitung doch wohl?) sei „reaktionär, rückständig und unmodern“. Deshalb müsse der Kampf um die Mitbestimmung „selbst bei wirtschaftlich weiterreichenden Zielen, als amerikanische Unternehmer sie jemals vertreten würden, nur um so gerechtfertigter erscheinen“. Bei der Mitbestimmung erstrebten einige Arbeiterführer „lediglich eine Stimme in den Politik machenden Auf Aufsichtsräten der Ruhrindustrie.“ Die meisten aber wünschten in den Vorständen selbst vertreten zu sein, die „die Produktion, den Verkauf, Löhne, Arbeitsstunden, Arbeitsbedingungen und das Sozialprogramm bestimmen“. Die Mitbestimmung – das hat Mrs. Meyer ganz deutlich „gesehen“ – ist „die Grundlage für die Vermeidung der historischen Überkonzentration der deutschen Industrie“ und für die Steigerung des Reallohns, der „seit Generationen“ nicht gesteigert werden konnte, weil diesbezügliche Forderungen der Gewerkschaften „erfolglos“ geblieben sind, alle Lohnerhöhungen vielmehr „mit Preiserhöhungen bezahlt wurden“. Denn – so sieht es Mrs. Meyer:

„Die deutsche Industrie hat niemals die amerikanische Methode angewandt, die Ausgaben für Lohnsteigerungen durch größere Leistungsfähigkeit in der Verwaltung und Technik auszugleichen.“

Deshalb also machen wir nun, gemeinsam mit amerikanischen Ratgebern, bei uns „productivity drive“. Aber wie verhalten sich die Gewerkschaften zu diesem Rationalisierungsvorhaben? Nun, darüber wird gleich noch zu sprechen sein ... Bleiben wir zunächst noch etwas bei den Impressionen von Mrs. Meyer. „Die deutschen Industriellen“, so sagte ihr Georg Reuter, der 2. Vorsitzende des DGB, „waren fähig zum Angriff nach draußen und zur Reaktion im Inneren, weil sie allmächtig waren.“ Von Hitler ist also bei ihm der Einfachheit halber gar nicht erst die Rede ... Dazu der Führer der Bergarbeiter, August Schmidt: „Wenn Stahl, Kohle und Chemie wieder die Macht bekommen, die sie gewohnt waren, dann wird ihr Wunsch, Geld zu machen, sie zu all und jedem treiben. Sie würden wieder die Diktatoren des Landes werden ...“ Also nicht Hitler, sondern die „anonymen Mächte“ Kohle, Stahl und Chemie ... Und dann trifft Mrs. Meyer, einschlägig informiert durch ihre deutschen Gewerkschaftsfreunde, noch die folgende Festestellung: „Niemand hat mehr Geld verdient in den letzten sieben Monaten als die Ruhr-Industriellen. Trotzdem blieben die Löhne auf dem niedrigen Stand von monatlich 200 DM für ungelernte und 270 DM im Durchschnitt für gelernte Arbeiter.“ – Das ist also Ende Januar 1951 geschrieben, als die Spitzenlöhne an der Ruhr nicht das Doppelte, sondern das Dreifache der genannten Sätze erreicht hatten. So wenig objektiv war die Unterrichtung der Amerikanerin durch unsere Landsleute!

Zur gleichen Zeit etwa, als dies geschrieben wurde, ging uns ein Manuskript zu, in dem der zuständige Mann der Stahltreuhänder-Vereinigung den gewerkschaftlichen Standpunkt zur Mitbestimmung dargelegt hatte. Er spricht nicht von den „Ruhrindustriellen“ und ihren riesigen Profiten, nicht von dem „rückständigen und reaktionären Arbeitgebertum“, nicht von unzureichenden Reallöhnen der Arbeiterschaft im Revier. Nach seiner Argumentation ist für das Aufkommen der Mitbestimmungs-Idee ausschlaggebend „die sich immer deutlicher abzeichnende Tatsache, daß die modernen Unternehmungen heute zumeist von Managern und nicht von Eigentümern geführt werden“. Vergebens fragt man sich, warum dieses doch wohl entscheidende Faktum nicht Mrs. Meyer mitgeteilt worden ist – fürchtete man etwa, daß ihr der Begriff „Manager“ fremd sei? Oder fehlte es an einem Dolmetscher, der das Wort „Manager“ richtig ins American English hätte übersetzen können? Wie dem auch sei: hier wird deutlich, daß die Argumentation für das Mitbestimmungsrecht in zwieschlächtiger Art betrieben wird. „Sozialisierung der Unternehmerfunktion“ – so heißt es, hemdsärmelig-robust, in dem Gespräch mit Mrs. Meyer. In dem für unsern Leserkreis bestimmten Aufsatz aber werden ganz andere Töne angeschlagen: