Von unserem süddeutschen Korrespondenten Hubertus Prinz zu Löwenstein

Heidelberg, im Mai

Daß Alt-Heidelberg, die feine, die Stadt an G.I’s reich ist, das merkt man gleich, wenn man die Wasserleitung aufdreht. Es kommen einem ganze Wolken von Chlor entgegen, denn die Amerikaner lieben es, den reinen Quell mit dieser Chemikalie zu trüben. Das Ergebnis ist freilich, daß es in ganz Heidelberg unmöglich ist, eine Tasse anständigen Tee oder Kaffee zu bekommen. Das Chlor schlägt immer durch.

Man merkt es im übrigen recht gut, daß der Neckar in die Rolle eines Little Hudson hineingeraten ist. Man geht durch die Straßen und freut sich am Geruch von Glyzinien und Jasmin, bis man darauf kommt, daß er mit Bratenduft untermischt ist, wie er nur von amerikanischen Kühen ausgeht. Er ist ein sehr guter Duft, nicht so wie der englische, der meist aus einer Mischung von gasförmigem, leicht ranzigen Hammelfett und Rosenkohl. besteht. Aber es ist eben doch ein starker Geruch. Oder er fällt einem auf, weil er anders ist als der deutsche-

Jan Molitor hat unlängst Oeynhausen das Museum der Besatzungszeit genannt. Das trifft, wenngleich in viel geringerem Ausmaß, auch auf Heidelberg zu. Nur muß man auch da wieder die scheinbar so unteilbare angelsächsische Welt unterteilen: Die Amerikaner waren von Anfang an zugänglicher, menschlicher als ihre britischen Besatzungs-Blutsbrüder, mit denen sie doch sonst, nach einem Worte von Oscar Wilde, alles gemein haben, mit Ausnahme der Sprache.

„Heidelberg werden wir schonen, da wollen wir selber wohnen!“, stand auf Flugblättern, die während des Krieges auf die Stadt niedergingen, während rings umher Mannheim, Ludwigshafen und Darmstadt unter Bombenteppichen lagen. Den Heidelbergern, so wird berichtet, genügte aber dieser Schock vollauf, und als die ersten Heimatvertriebenen aus Schlesien anlangten, wurden sie von den Bürgern am Neckar mit den Worten begrüßt: „Auch bei uns sieht es gunz furchtbar aus! Man kann nicht einmal mehr lyrische Gedichte herausgeben!

Dabei sollten die Kriegsschäden noch nachkommen. Erst brannte die Stadthalle aus, in der die Amerikaner eine Bar errichtet hatten; dann, 1949, gab es im Movie-Theater in der Neuen Universität einen Kurzschluß, die Folgen waren wiederum höchst bedauerlicher Natur. Und dabei hatte doch diese Neue Universität – längst, bevor die Amerikaner kamen – eine deutschamerikanische Geschichte: Es ist das Schurman-Building, errichtet aus den Geldern, die der amerikanische Botschafter“ in Berlin, Mr. Schurman, ein alter Heidelberger Student, in Amerika aufgetrieben hatte. Er und Gustav Stresemann haben dann in den Räumen dieses Gebäudes gemeinsam den Ehrendoktor erhalten – Sinnbild deutshamerikanischer Freundschaft.