Von Paul Bourdin

Der sonst so stille Platz vor dem Institut de France wird seit den frühen Nachmittagsstunden von einer respektvoll harrenden Menge belebt sein. Das ist dann kein gewöhnlicher Donnerstag, an dem die „Unsterblichen“ der Académie Francaise, die hier ihren Sitz hat, zu ihrer wöchentlichen Arbeit am Dictionaire zusammenkommen und über die Reinheit der französischen Sprache wachen. Nein, es gilt, ein neues Mitglied in die seit über 300 Jahren bestehende Compagnie aufzunehmen. Das wird, wie meistens, mehr ein Staatsakt als ein literarisches Ereignis sein, durchaus im Sinne des Gründers, des Kardinals Richelieu. Die Tradition, die der große Minister Ludwigs XIII. geschaffen hat, ist hier im lateinischen Viertel am Quai de Conti ebenso lebendig wie flußabwärts am anderen Ende des linken Seine-Ufers, am Quai d’Orsay. Dort versucht seine außenpolitische Doktrin die Macht des Staates zu überleben, hier wird der Geist immer noch in den Dienst des Staates gestellt.

Den gleichen weiten Weg vom Quai de Conti zum Quai d’Orsay hat der neue „Unsterbliche“, François-Poncet, hin- und zurückgelegt: vom Quartier Latin, in dem der Student der Ecole normale superieure mit 23 Jahren seine .erste Schrift über Goethes „Wahlverwandtschaften“ verfaßte, bis zum Außenministerium, dessen Botschafter er über zwei Jahrzehnte war, und nun zurück zum Institut de France, dem höchsten Hort der Sprache und Literatur. Das Schreiben hat in diesem Leben, das heute seine Krönung erfährt, stets seinen Platz neben der diplomatischen Tätigkeit behauptet, ja der schriftliche Bericht an die Zentrale in Paris, die sorgfältig stilisierte Rede, das rekapitulierende und rechtfertigende Buch erscheinen neben der gepflegten Konversation zuweilen als das eigentliche Ziel, jedenfalls als das Instrument, durch das diese Tätigkeit erst ihren Sinn erhält. Welche dieser beiden Leistungen jetzt die Weihe der „Unsterblichkeit“ erhält, die diplomatische oder die schriftstellerische, ist nicht zu sagen. Die von Richelieu gefüllte Übereinstimmung von Literatur und Politik erlaubt hier keine Unterscheidung.

Die Wahl, die von der erlauchten „Compagnie der vierzig Unsterblichen“ getroffen worden ist, um ihre durch Verbannung und Tod gelichteten Reihen aufzufüllen, erscheint, wie hier angedeutet, äußerst sinnvoll und beziehungsreich. Und da der geistreiche Plauderer, der sich kein bonmot verkneifen kann, die Deutschen aber für „geschwätzig“ hält, das Beziehungsreiche liebt, wird er gleich, wenn er seine Aufnahmerede hält, zweifellos in kühnen Verbindungen brillieren. Aber wird er den Mut haben, seine Antrittsrede auf den toten Pétain zu halten, wozu ihn die Tradition des Hauses verpflichtet? Denn er ist gewählt worden, um den „Fauteuil“ des 1945 ausgeschlossenen Marschalls einzunehmen. Hat die Académie Française durch die Wahl Francois-Poncets einen Irrtum reparieren wollen? Einen Irrtum, dessen heillose Folgen gerade der Botschafter bei Hitler hat beobachten können, als der Geist sich der Macht des Staates beugte. Da war nichts von jener Harmonie zwischen Literatur und Politik, die Richelieu bei der Gründung der Académie vorschwebte. Denn der Ungeist der Unterwürfigkeit vermag keine Staatsmacht zu legitimieren. Der Botschafter im Berlin des Dritten Reiches und der Hohe Kommissar im Bonn der Bundesrepublik weiß, daß „Kollaboration“ kein „Verrat“ zu sein braucht.

Er könnte an die Rede anknüpfen, mit der Paul Valéry den Marschall Pétain in der Akademie empfing: „Die Ideen der anderen scheinen Ihnen keinen großen Eindruck zu machen. Sie haben eine große Entdeckung gemacht, die für den Laien nur eine naive Selbstverständlichkeit bedeutet! Aber wir wissen, dank dem Beispiel der Wissenschaft und der Philosophie, daß das, was dem unbefangenen Blick als sonnenklare Wahrheit erscheint, den Augen der Fachleute infolge der Starrheit und der Spitzfindigkeit ihrer Anstrengungen entgeht. Dann bedarf es eines Mannes von Genie, um eine wesentliche und sehr einfache Wahrheit zu entdecken, die von dem Arbeiten und dem Eifer einer Menge tiefer Geister verdunkelt worden ist. Sie haben entdeckt, daß das Feuer tötet.“ Hier könnte François Poncet fortfahren: Marschall Pétain hat eine zweite Wahrheit entdeckt, die, daß Kollaboration den Besiegten rettet. Er könnte vom Rednerpult aus den Fenstern des Palais Mazarin auf das unzerstörte Paris weisen und ausrufen: ‚Das verdanken wir meinem Vorgänger in der Akademie, dessen Sessel einzunehmen ich mir zur Ehre anrechne. Denn die Kollaboration zwischen zwei Nachbarvölkern ist unabhängig vom jeweils verschiedenen Regime sowie vom Zustande des Siegers oder des Besiegten. Man kann nicht aufhören, mit seinem Nachbarn zusammenzuarbeiten, weil er der Sieger ist oder weil einem sein zeitweiliges Regime nicht paßt, ebensowenig wie man seine Nationalität aufgeben kann, weil man besiegt ist oder einem verhaßten Regime unterliegt.‘ François-Poncet könnte wiederholen: „Ich stand mit den Nazis nicht in schlechten Beziehungen, genauer gesagt, ich hatte mit einigen schließlich sogar gute Beziehungen.“ Er könnte seine Rolle bei Adenauer mit der eines Abetz bei Pétain vergleichen und sich beglückwünschen, daß er einen Schuman und keinen Hitler als Chef gehabt hat, der seinen aufrichtigen Willen zur Kollaboration verfälschte. Er könnte endlich die deutsch-französische Politik aus der Eitelkeit der Franzosen und der Sentimentalität der Deutschen in die klare und kalte Luft eines modernen Richelieu erheben.

Vielleicht unterliegt jedoch der Diplomat und Historiker vor dieser ehrwürdigen Versammlung von grünen Fräcken und ziselierten Degen der Versuchung, die Linie aufzuweisen, die von Richelieu zu François-Poncet führt. Dann wird er sich auf seinen Ausspruch berufen: „Ohne auf die Zerstückelungspolitik des Westfälischen Friedens zurückzugreifen, könnte man sich vorstellen, daß Deutschland in drei oder vier große Staatsgebilde aufgeteilt“ würde oder daß man es der partikularistischen oder der föderalistischen Tradition überließe, die nie aufgehört hat zu bestehen ...“ Hoffentlich aber wird er den Mut haben, zu bekennen, daß er über diese Linie hinausgewachsen ist, und wird sagen, was er schon einmal sagte: „Sechzig Millionen Deutsche, an Disziplin und fleißige Arbeit gewöhnt und in ihrer Masse leicht zu entflammen, sind unsere Nachbarn. Möge diese einfache Feststellung uns davor bewahren, irgendwelcher Eitelkeit nachzugeben ...“ „Ich bin der Zeuge des germanischen Dynamismus“, könnte er wiederholen und sich selbst zitierend fortfahren: ‚Ich brauchte nur aus einem anderen Fenster zu blicken, dem meines Büros im Hotel Dreesen – leidigen Angedenkens – und den wachsenden Rhythmus des Lebens auf dem Rhein zu beobachten, der so beredt von dem Wiederaufbau Deutschlands spricht, von der Arbeitskraft aller sozialen Schichten.‘

Wäre das alles? so denken wir weiter, während wir über die geistreichste Brücke von Paris, den Pont des Arts zum Louvre hinübergehen. „Nein, sicher nicht!“ mag Francois-Poncet uns antworten: „Die neuesten Pläne Moskaus und seiner Berliner Antennen sind nicht leicht zu nehmen... Sie schlagen der deutschen Bevölkerung über den Kopf ihrer Behörden vor: zunächst die Einheit, zweitens die Arbeit, ohne Einschränkung, ohne Arbeitslosigkeit, ohne äußere und innere Hemmungen, drittens vielleicht die Fata Morgana, vielleicht aber auch das Versprechen des Friedens... Was haben wir dem entgegenzusetzen? Wir sind also gezwungen – zuweilen über unsere anfänglichen Absichten hinaus – unsererseits konstruktive Pläne zu definieren. Um verführerisch zu erscheinen, müssen wir großzügig sein.“

Hörte der Besucher im Institut de France eine solche Aufnahmerede François-Poncets, so könnte er nachher seineabwärts bummeln, um am Quai d’Orsay festzustellen, wie lange noch Schuman Herr des Hauses sein werde. Wäre er ein Besucher aus Deutschland, so würde er wohl denken: ‚Wir haben den besten Botschafter Frankreichs in Deutschland an die Académie verloren, wir bangen um das Verbleiben des aufrichtigsten französischen Außenministers und bauen auf den kältesten deutschen Kanzler, um die beiderseits geschmähte Kollaboration zustande zu bringen.‘