KW Toronto, im Mai

R und ein Zehntel der Ausstellungsfläche auf der diesjährigen Internationalen Handelsmesse in Toronto vom 2. bis 13. Juni wird von deutschen Firmen in Anspruch genommen werden. Deutschland steht damit an dritter Stelle der Messebeteiligung. Es folgt nach Kanada, das erstmals in großem Umfange seine eigenen Produkte den erwarteten einheimischen sowie nord- und südamerikanischen Besuchern vorführen wird, und nach Großbritannien. Deutschland also wird erstmals an dieser – nach dem letzten Kriege mit viel Wagemut ins Leben gerufenen – nordamerikanischen Messe in wirklich nennenswertem Umfange teilnehmen. Die vorjährige Chance, die sich für die wenigen mutigen deutschen Teilnehmer durchaus gelohnt hat (vor allem im Nachgeschäft), wurde von der Mehrzahl der Interessenten wegen fehlender amtlicher Ermunterung leider verpaßt.

Wenn mehr als 130 deutsche Firmen eigene Stände vorführen, wenn zahlreiche weitere Firmen ihre kanadischen Vertreter zu verstärkter Ausstellung in Toronto ermuntert haben, muß wohl etwas in Kanada zu machen sein. Wo liegen die Hoffnungen der Messebeteiligung, wo die Aussichten für das Kanadageschäft? Die Toronto-Messe – übrigens im äußeren Bild eine der „ruhigsten“ Messen, was den Besuch zu einem sehr angenehmen Erlebnis macht – hat sich als Treffpunkt nicht nur für kanadische Einkäufer eingeführt. Auch von interessierten Besuchern aus den benachbarten USA – deren nächster Touristen-Eingangspunkt nach Kanada der nur 150 km entfernte Niagarafall ist – und aus Mittel- und Südamerika wird sie in steigendem Umfange besucht: was den Amerikanern nach ihrem nicht recht geglückten Messeversuch von Chikago fast unbegreiflich ist.

Toronto ist übrigens eines der zukunftsträchtigsten Wirtschaftszentren Nordamerikas mit seiner zentralen Lage am Ontariosee, der durch die Vertiefung des St.-Lorenz-Stroms mehr als bisher an die internationale Schiffahrt angeschlossen wird. Die diesjährige Messe, die mit dem neugierig erwarteten ersten Erscheinen der deutschen Industrie einen von der kanadischen Werbung kräftig herausgearbeiteten Besuchsanreiz erhält, wird möglicherweise einen wichtigen Meilenstein darstellen.

Es wird den deutschen Ausstellern dabei wohl nicht oft und deutlich genug gesagt werden können, daß ihr Erscheinen in Toronto nur die erste Vorarbeit: leisten kann. Mit anderen Worten: es gilt, den kanadischen Markt kennenzulernen und zu erschließen. Daß es sich lohnen kann, zeigen zwei Fakten: auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet; zeigt Kanada den größten Außenhandel – an dem Deutschland bisher nur mit etwa 2 v. H. beteiligt ist! Daß es andererseits vielfach schwierig sein wird, lassen die Nachbarschaft und der Einfluß der USA ahnen. Im Zivilisatorischen zumindest sind die Einflüsse über die – recht offene – Grenze im Süden außergewöhnlich stark. Ob es um den Hemdenschnitt oder den Geschmack bei Porzellangeschirren, um den Stil der Handtasche oder des Schuhwerks geht: USA ist Trumpf.

Konkret gesprochen: Porzellanfiguren gehen beser als Porzellan geschirr, und Möbelstoffe haben oft bessere Chancen als Kleiderstoffe. In Spielwaren wird die handwerkliche Holzarbeit leichter Eingang finden als die maschinelle Blechverarbeitung. Vor allem aber läßt sich als eine der Regeln gerade auch für Kanada sagen, daß die Spezialleistung – als Neuheit, aber auch, in gewissen Preisgrenzen, als Qualität – die großeren Aussichten vor der Serie haben wird. Die Massen wäre ist meist bis auf den letzten Cent durchkalkuliert, während das „Besondere“ den Erlös in wertvollen Dollars bringen kann. Glaswaren, Schmuck, Feinmechanik, Optik, Schneidwaren und Kleinwerkzeuge haben Aussichten.

Und dann die Produktionsgüter! Fast 10 v. H. der vorjährigen kanadischen Einfuhr aus Deutschland entfiel allein auf Maschinen, denen sich noch in anderen Sparten (Teile, Kugellager usw.) weitere Posten hinzugesellten. Zwar ist auch das Maschinengeschäft schwierig, zumal jede Lockerung der Rüstungsanstrengungen in den USA die Liefermöglichkeiten von dort verbessert, während aus ganz Europa – nicht nur aus Großbritannien, sondern auch aus Frankreich, Italien, der Schweiz und Skandinavien – eine ständig wachsende Konkurrenz spürbar wird. Doch selbst hier setzt sich deutsche Leistung oft durch, wobei der Preis manchmal (vor allem bei Spezialanfertigungen) ein weniger großes Hindernis bietet als die Kreditfinanzierung. Die USA haben nämlich die Ratenzahlung auch für Maschinen aufs feinste ausgearbeitet. Die Chemie ist ein anderer wichtiger deutscher Lieferant für Kanada geworden, wobei es für die Entwicklung der kanadischen Industrie spricht, daß sie bereits zu einem beachtlichen Exporteur von synthetischem Gummi und anderen Spezialitäten geworden ist.